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Doktor Faustus
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Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian LeverkĂŒhn, erzĂ€hlt von einem Freunde ist ein 1947cite-ref-1[1] publizierter Roman von Thomas Mann. Der Altphilologe Zeitblom verfasst 1943–1945 die Biographie seines hochbegabten, existenziell gefĂ€hrdeten Freundes LeverkĂŒhn: seine Schul- und Studienzeit um die Jahrhundertwende, seinen Wechsel von der Theologie zur Musik und seine Versuche, durch dĂ€monische Infizierung seine KreativitĂ€t zu steigern und unharmonische Kompositionsverfahren als Ausdruck der neuen Zeit zu erfinden, um den Wesenskern des Menschen zu erfassen und zu gestalten, bis seine Krankheit 1940 zu seinem Tod fĂŒhrt.

Thomas Manns vielschichtiges Werk ist nicht nur ein an den von Goethe exemplarisch geprĂ€gten Faust-Mythos anknĂŒpfender KĂŒnstlerroman, sondern auch ein Roman ĂŒber das Wesen der Musikcite-ref-a1-2-0[A 1] und ein kunsttheoretischer Essay.cite-ref-3[2] Zugleich ist es ein Zeit- bzw. Epochen-Roman,cite-ref-4[3] ein MĂŒnchener Gesellschaftsromancite-ref-5[4] und eine Lebensbeichte.cite-ref-6[5] In Verbindung dieser Aspekte gestaltet der Autor sein Hauptthema: den „katastrophalen RĂŒckfall des hoch- und ĂŒberentwickelten Geistes in archaische PrimitivitĂ€t“ als individuellen und gleichzeitig ĂŒberpersönlichen, historisch-politischen Prozess,cite-ref-7[6] der zur Zeit des Nationalsozialismus eskaliert.

Contents

‱ Inhalt
‱ Zu den Orten
‱ Adaptionen
‱ Literatur
‱ Musik
‱ Film
‱ Hörspiel
‱ Weblinks

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Inhalt

Das Leben des Komponisten Adrian LeverkĂŒhn wird aus der rĂŒckblickenden Perspektive seines zwei Jahre Ă€lteren Freundes Serenus Zeitblom erzĂ€hlt, der sich die Begleitung des von ihm bewunderten Musikers und nach dessen Tod die Bewahrung seines Erbes zur Lebensaufgabe gemacht hat. Beide sind sehr unterschiedliche Charaktere, gemeinsam ist ihnen eine elitĂ€re Kunstauffassung. Zeitblom sieht darin eine FĂŒhrungsaufgabe. Auch fĂŒr Adrian ist Kunst verbunden mit Geist, sie brauche sich jedoch nicht der Gemeinschaft verpflichtet zu fĂŒhlen, „um seiner Freiheit, seines Adels willen“ (Kap. 31). Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit von SonntagsausflĂŒgen der Zeitbloms bei der befreundeten Bauernfamilie LeverkĂŒhn und treffen, mit Unterbrechungen, immer wieder an verschiedenen Orten zusammen: zuerst wĂ€hrend der Gymnasialzeit in der fiktiven Stadt Kaisersaschern an der Saale und wĂ€hrend ihrer Studien in Halle und Leipzig, 1912 bei einem Ferienaufenthalt in den Sabiner Bergen und von 1913 bis 1930 in Oberbayern. In der Zwischenzeit stehen sie miteinander im Briefkontakt. WĂ€hrend Zeitblom das Studium fĂŒr sein MilitĂ€rdienstjahr unterbricht und als Dr. phil. abschließt, um dann als Gymnasiallehrer ein bĂŒrgerliches Leben mit Familie zu fĂŒhren, zieht sich LeverkĂŒhn weitgehend aus der Gesellschaft zurĂŒck und konzentriert sich ganz auf seine neuartigen Kompositionen.

Zeitblom beginnt mit seinen Aufzeichnungen ĂŒber LeverkĂŒhns Lebensweg, die sich auch auf dessen ihm hinterlassene geheime Aufzeichnungen stĂŒtzen, und ĂŒber seine musikalischen Produktionen am 27. Mai 1943,cite-ref-a2-8-0[A 2] zwei Jahre nach dem Tod des Freundes. In Erweiterung der Biographie portrĂ€tiert er immer wieder die Gesellschaft von der Jahrhundertwende an bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und kommentiert die politischen Ereignisse vor und wĂ€hrend der beiden Kriege.cite-ref-a3-9-0[A 3]

Adrian LeverkĂŒhns Leben

Elternhaus

Adrian wird 1885 auf dem Bauernhof Buchel in Oberweiler bei Weißenfels geboren. Er hat zwei Geschwister, Georg und Ursula, mit denen er in freundschaftlichem, aber distanziertem VerhĂ€ltnis steht. Seine Mutter Elsbeth LeverkĂŒhn ist eine anspruchslose Frau. Trotz ihrer reizvollen, auffallend „warmen Mezzosopran-Stimme“ und ihrer „latenten inneren MusikalitĂ€t“ und obwohl sie als einfache BĂ€uerin hin und wieder zu einer alten Gitarre greift, ein paar Akkorde zupft und kleine Melodien dazu summt, „lĂ€sst sie sich aufs eigentliche Singen nie ein“. So macht Adrian, zusammen mit seinem Bruder und seinem Freund Serenus, seine frĂŒhesten musikalischen Erfahrungen erst bei der Stallmagd Hanne, welche die drei zum gemeinsamen Kanonsingen anleitet (Kap. 4). LeverkĂŒhns Vater Jonathan, der sich in seiner Freizeit naturwissenschaftlichen, biologischen und chemisch-physikalischen Experimenten widmet, lĂ€sst seine beiden Söhne anfangs durch einen Hauslehrer unterrichten (Kap. 4). Dieser empfiehlt fĂŒr den begabten Bauernsohn eine gymnasiale Ausbildung.

Gymnasium in Kaisersaschern

Adrian besucht von 1895 an zusammen mit dem zwei Jahre Ă€lteren Serenus das Gymnasium im nahe bei Merseburg und Naumburg gelegenen Kaisersaschern. Er wohnt bei seinem Onkel Nikolaus, einem weit ĂŒber die Stadt hinaus bekannten Geigenbauer und MusikalienhĂ€ndler, in dessen umfangreichem Magazin er viele Musikinstrumente kennenlernt (Kap. 7). Der Onkel erkennt seine Begabung und lĂ€sst ihn vom Dom-Organisten und Komponisten Wendell Kretzschmar im Orgelspiel und in der Kompositionslehre unterrichten (Kap. 8 und 9). Kretzschmar ist ein kompetenter Musikexperte und hĂ€lt trotz seiner kuriosen Rhetorik mit hĂ€ufigen Stotter-Hemmnissen VortrĂ€ge ĂŒber musikalische Themen. Er wird fortan LeverkĂŒhns Mentor: Hat Adrian bisher die „KuhwĂ€rme“ der Volksmusik in der familiĂ€ren Gemeinschaft kennengelernt, so wird diese jetzt von der Abstraktion der mathematischen Strenge ĂŒberlagert und er entdeckt die geheimnisvolle Vieldeutigkeit der Musik als „Zweideutigkeit der Systeme“ (Kap. 10).

Theologiestudium in Halle

Nach Abschluss des Gymnasiums studiert LeverkĂŒhn jedoch nicht, wie allgemein erwartet, Musik, sondern Theologie an der UniversitĂ€t Halle (Kap. 11–15). Er hört Vorlesungen bei Professor Ehrenfried Kumpf (Kap. 12), einem Vertreter des „Vermittlungskonservatismus mit kritisch-liberalen EinschlĂ€gen“ und bei dem Privatdozenten Eberward Schleppfuß (Kap. 13), der ĂŒber die psychologische Illuminierung seiner „dĂ€monische[n] Welt- und Gottesauffassung“ spricht und betont, das „Verruchte“ sei „ein notwendiges und mitgeborenes Korrelat des Heiligen“. Gottes Dilemma sei der freie Wille einerseits und das Verbot zu sĂŒndigen andererseits. Die Inquisition stelle schließlich das Einvernehmen zwischen dem Richter und dem Delinquenten her. Das Böse trage zur Vollkommenheit des Universums bei durch „wechselseitige ExistenzverstĂ€rkung“. Als Mitglied der christlichen Verbindung „Winfried“ (Kap. 14) diskutiert Adrian mit seinen Kommilitonen u. a. ĂŒber die Themen Jugend als Motor der Gesellschaft, Individuum und Gemeinschaft, Kirche und Christentum. Er sieht die Kirche als Ordnungsmacht gegenĂŒber dem zum Wahn tendierenden Religiösen und betont die NĂŒtzlichkeitsfunktionen als BegrĂŒndung des Staates. Doch ihn langweilen die theologischen Vorlesungen und Burschenschaftsveranstaltungen. So bricht er das Studium bereits nach dem 4. Semester ab und erklĂ€rt, er habe sich nicht aus Frömmigkeit oder Berufung der Theologie „unterstellt“, sondern weil er sich „demĂŒtigen“, „beugen“, „disziplinieren“, „den DĂŒnkel [s]einer KĂ€lte bestrafen wollte, kurz aus contritio [Buße]“ (Kap. 15).

Musikstudium in Leipzig

Adrian wechselt mit dem Wintersemester 1905 nach Leipzig, wohin inzwischen Kretzschmar zum Dozenten berufen worden ist (Kap. 16), um „sich ganz der Musik in die Arme zu werfen“, weil sie ihm als eine „magische Verbindung aus Theologie und der so unterhaltenden Mathematik“ erscheint: „[S]ie hat so viel von dem Laborieren und insistenten Betreiben der Alchimisten und SchwarzkĂŒnstler“ und zugleich „AbtrĂŒnnigkeit, nicht vom Glauben [
] sondern im Glauben [
] alles ist und geschieht in Gott, besonders auch der Abfall von ihm“. Er strebt nicht die Laufbahn eines konzertierenden KĂŒnstlers oder Dirigenten an, sondern das „hermetische Laboratorium, die GoldkĂŒche, die Komposition“, die „theoretische Geheimlehre“. Denn dies entspricht seiner Persönlichkeit und seinem Interessensgebiet: „Die KĂŒhle, die â€șrasch gesĂ€ttigte Intelligenzâ€č, der Sinn fĂŒr das Abgeschmackte, der ErmĂŒdbarkeit, die Neigung zum Überdruss, die FĂ€higkeit zum Ekel“ sieht er zusammen mit seiner „Begabung“ als „Berufung“ an, weil es nicht nur der „privaten Persönlichkeit“ angehöre, sondern auch Teil â€žĂŒberindividueller Natur und Ausdruck [
] eines kollektiven GefĂŒhls fĂŒr die historische Verbrauchtheit und Ausgeschöpftheit der Kunstmittel, der Langeweile daran und des Trachtens nach neuen Wegen“ sei, ein „vitales BedĂŒrfnis der Kunst nach evolutionĂ€rem Fortschritt“ (Kap. 15). Parallel zum Studium der traditionellen Musik experimentiert LeverkĂŒhn mit neuen Ausdrucksformen (Kap. 18). Auf der Suche nach einem neuen Klangkörper interessiert er sich fĂŒr das Skalensystem des Mathematikers Claudius PtolemĂ€us und die Verwandtschaft von Musik und Himmelskunde. Neben dem Musikstudium belegt er philosophische Vorlesungen, verkehrt in einem Kreis junger Intellektueller, einer „Art von BohĂšme-Club“ im „CafĂ© Central“ und befreundet sich mit dem Dichter und Übersetzer RĂŒdiger Schildknapp (Kap. 20).

Esmeralda

Gleichzeitig mit dieser geistig-kĂŒnstlerischen Entwicklung durchlĂ€uft LeverkĂŒhn wĂ€hrend des Leipzig-Aufenthalts auch eine innere seelische Entwicklung. Das kurze, fĂŒr sein bisheriges Asketentum noch folgenlose Zusammentreffen mit der Prostituierten „Esmeralda“ (Kap. 16) sieht er – wie es seine geheimen Aufzeichnungen offenbaren – spĂ€ter als Einschnitt in seinem Leben, als VerfĂŒhrung durch den Teufel an. Um musikalische GenialitĂ€t zu erlangen und im Rauschzustand neuartige, die alte klassische Harmonie sprengende Musikwerke schreiben zu können, folgt er 1906 Esmeraldas Spur nach Preßburg und infiziert sich bei ihr, trotz deren Warnung, bewusst mit Syphilis. Nachdem der erste ihn behandelnde Arzt plötzlich gestorben und der zweite ĂŒberraschend verhaftet worden ist, sucht er keine weitere medizinische Beratung und sieht die Erkrankung als schicksalshaft an. Der Ruf „hetaera esmeralda“, den LeverkĂŒhn als Tonfolge „h-e-a-e-es“ motivisch wiederkehrend in seine Werke einbaut, wird zum Ausdruck jener Verlockung (Kap. 19).

Neue Musikkonzeption

Nach diesem einmaligen sexuellen Kontakt fĂŒhrt Adrian wieder in „Keuschheit und Enthaltsamkeit“ das „Leben eines Heiligen“, das allerdings nicht mehr „dem Ethos der Reinheit, sondern dem Pathos der Unreinheit entsprang“ (Kap. 24). Der „Konservatismus seiner Lebensweise“ kontrastiert mit seiner Kritik an der Vorspiegelung der Kunst, harte Arbeit und ein geschlossenes Kunstgebilde als spontan entsprungen erscheinen zu lassen. Ein solcher schöner Schein widerspreche unserem „Wahrheitssinn“, d. h., er stehe in keiner „legitimen Relation“ zu der „völligen Unsicherheit, Problematik und Harmonielosigkeit unserer gesellschaftlichen ZustĂ€nde“ und sei „zur LĂŒge geworden“. „Echt und ernst [sei] allein das ganz Kurze, der höchst konsistente Augenblick“ (Kap. 21). Er verfolgt die Idee der Vereinigung des Alten mit dem Neuen, der Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft, der individuellen Freiheit mit der Unterordnung, der SpontaneitĂ€t in der Gebundenheit in Gesetz, Regel, Zwang, System. Er sucht „die vollstĂ€ndige Integration aller musikalischen Dimensionen, ihre Indifferenz gegeneinander kraft vollkommener Organisation“ und „das magische Wesen der Musik in menschliche Vernunft aufzulösen“ (Kap. 22).

MĂŒnchen

Seine Leipziger Zeit endet nach viereinhalb Jahren im September 1910 mit dem Abschluss seines Philosophiestudiums. Als Doktor phil. zieht Adrian nach MĂŒnchen um, wohnt fĂŒr neun Monate bei der Bremer Senatorwitwe Rodde, trifft den ebenfalls in die bayrische Residenz umgesiedelten RĂŒdiger Schildknapp und lernt durch ihn in den Salons die KĂŒnstler-Szene kennen (Kap. 23). Auch nach seinem RĂŒckzug aus der Großstadt besucht Adrian weiterhin die intellektuellen und kĂŒnstlerischen Zirkel bei Roddes oder im Schlaginhaufen’schen Salon und hört den kulturkritischen GesprĂ€chen zu. WĂ€hrend seiner Krankheitsphasen informiert ihn Zeitblom ĂŒber die zunehmend nationale Stimmung im Sixtus Kridwiß-Kreis. AusfĂŒhrlich erzĂ€hlt ihm der Freund die tragischen Geschichten der beiden Rodde-Töchter, der untreuen Professorengattin Ines Institoris, die Jahre spĂ€ter ihren Liebhaber ermordet, und der 1922 durch Suizid gestorbenen Schauspielerin Clarissa. In den ersten Fall wird LeverkĂŒhn in den 1920er Jahren durch seine Freundschaft mit dem Geiger Rudolf Schwerdtfeger verwickelt (Kap. 29, 32, 35).

TeufelsgesprÀch

LeverkĂŒhn sucht nach einem Ort, wo er sich „recht vor der Welt vergraben und ungestört mit [s]einem Leben, [s]einem Schicksal Zwiesprache halten könnte“ und verbringt mit RĂŒdiger fast zwei Jahre in Rom und Palestrina. Hier hat er eine, in seinen hinterlassenen Aufzeichnungen beschriebene Teufels-Erscheinung – ob es, wie er annimmt, eine Fieberphantasie mit einem SelbstgesprĂ€ch bzw. eine Wahnvorstellung ist oder eine reale Begegnung, bleibt offen.cite-ref-a7-10-0[A 4]

Der Besucher mit rötlichem Haar und der Artikulation eines Schauspielers stellt sich ihm als der VerfĂŒhrer vor, der ihm in Leipzig Esmeralda gezeigt und ihn damit in Preßburg zur Syphilis-Infizierung verleitet hat, die durch die abgebrochenen Ă€rztlichen Behandlungen zur GehirnentzĂŒndung fĂŒhren wird. Bis dahin will er ihm 24 Jahre Zeit und eine ungeahnte Steigerung seiner KreativitĂ€t verkaufen. „[S]chöpferische, Genie spendende Krankheit [
], die hoch zu Ross die Hindernisse nimmt, in kĂŒhnem Rausch“ sei „tausendmal dem Leben lieber [
] als die zu Fuße latschende Gesundheit“. Der Gast transformiert sich vom „Ludewig und Mannsluder“ zunehmend zum „Intelligenzler, der ĂŒber Kunst, ĂŒber Musik, fĂŒr die gemeinen Zeitungen schreibt“, einem „Theoretiker und Kritiker, der selbst komponiert“, und ĂŒberzeugt Adrian, dass „ein Ingenium [
] mit der Hölle zu tun hat.“ Der KĂŒnstler sei „der Bruder des Verbrechers und des VerrĂŒckten“. Er bietet ihm einen Pakt an. „AufschwĂŒnge liefern wir und Erleuchtungen, Erfahrungen von Enthobenheit und Entfesselung, von Freiheit, Sicherheit, Leichtigkeit, Macht- und TriumphgefĂŒhl, dass unser Mann seinen Sinnen nicht traut, - eingerechnet noch obendrein die kolossale Bewunderung fĂŒr das Gemachte [
] die Schauer der Selbstverehrung, ja des köstlichen Grauens vor sich selbst, unter denen er sich wie ein begnadetes MundstĂŒck, wie ein göttliches Untier erscheint. Und entsprechend tief, ehrenvoll tief, geht’s zwischendurch auch hinab, nicht nur in Leere und Öde und unvermögende Traurigkeit, sondern auch in Schmerzen und Übelkeiten“. Diese „Hölle im voraus“ benötige er, wenn er die verbrauchten traditionellen kompositorisch geschlossenen Kunstwerke mit ihrem „selbstgenĂŒgsamen Schein“ durch kĂŒhne neue Tonkombinationen ersetzen wolle. ZulĂ€ssig sei heute nur noch „der nicht fiktive, der nicht verspielte, der unverstellte und unverklĂ€rte Ausdruck des Leids in seinem realen Augenblick“. Als Gegenleistung mĂŒsse Adrian ein kaltes Leben fĂŒhren und auf wĂ€rmende menschliche Liebe verzichten. Nach seinem Tod setze sich sein „extravagantes Dasein[-]“ im Reich des Teufels als die Steigerung seiner irdischen Freuden und Qualen ewig fort, aber wegen seiner UnfĂ€higkeit zur „Zerknirschung ĂŒber die SĂŒnde“ und zur inneren religiösen Umkehr und seines Stolzes sei ihm die himmlische SphĂ€re sowieso verschlossen.

Pfeiffering

Nach der RĂŒckkehr aus Italien, im Herbst 1912, verlegt Adrian fĂŒr den Rest seines kĂŒnstlerischen Lebens seinen Wohnsitz in eine an seine Kindheit erinnernde Landschaft: auf den einsam gelegenen Bauernhof von Max und Else Schweigestillcite-ref-11[7] im fiktiven Pfeiffering bei Waldshut sĂŒdlich von MĂŒnchen. Hier arbeitet er nach „Love’s Labour’s Lost“ weitere Kompositionen: Brentano-GesĂ€nge, Klopstocks Ode „Die FrĂŒhlingsfeier“ und kosmische Musik, eine dramatische Groteske auf Basis der „Gesta Romanorum“. Erschwert wird seine Arbeit, als Folge der Syphilis-Infizierung, durch hĂ€ufige Kopfschmerzen und MigrĂ€ne-AnfĂ€lle.

Adrian zieht sich allerdings nicht völlig auf das Land zurĂŒck, sondern nimmt die Verbindung zu seinen Bekannten aus der MĂŒnchener Zeit wieder auf (Kap. 26). Besuch empfĂ€ngt er von zwei Malern, der Schriftstellerin Jeannette Scheurl, dem Geiger Rudolf Schwerdtfeger, seinem Reisefreund RĂŒdiger Schildknapp und, nach seiner Anstellung am Freisinger Gymnasium 1913, von Zeitblom, mit dem er ĂŒber die Wunder der Meerestiefe, die Planetensysteme und die Krise der Kultur diskutiert. Er selbst nimmt an Konzertveranstaltungen und den Treffen bei Roddes oder im Schlaginhaufen’schen Salon teil, interessiert sich aber nach wie vor nicht fĂŒr die politische Lage und bleibt von den Ereignissen persönlich unberĂŒhrt, wĂ€hrend die Anwesenden kulturpolitische GesprĂ€che fĂŒhren (Kap. 28): z. B. ĂŒber neuzeitlich-umstĂŒrzlerische und traditionelle Tendenzen, kulturelle Zerfallserscheinungen, Wagners Opern im Hoftheater, Musik-Erfindungen „fortschrittlicher Barbarei“ usw. Bei Kriegsbeginn bezieht LeverkĂŒhn allerdings im GesprĂ€ch mit Zeitblom Position. Er, der alles Patriotisch-Nationale ironisiert und die kulturelle Tradition als erschöpft ansieht, widerspricht seinem Freund, der sich vom deutschen Sieg eine Befreiung aus der Umzingelung durch die GroßmĂ€chte und eine geistige Erweiterung in die Welt hinaus verspricht: durch den Kriegsverlauf sei gerade das Gegenteil der Fall. Es gebe nur ein Problem in der Welt, die Frage, wie man durchbreche und ins Freie gelange (Kap. 30). Trotz der beim Publikum erfolglosen „Verlorene-LiebesmĂŒh“-AuffĂŒhrung in LĂŒbeck wird sein Name „in den inneren Cirkeln der Kunst“ bekannt und seine Werke finden Beachtung. Über AuffĂŒhrungen in ZĂŒrich, Weimar und Prag wird heftig gestritten. Man beurteilt sie als „Widerspiel zur nationalistisch-wagnerisch-romantischen Reaktion“, wirft ihm „Kunstverhöhnung“, „Nihilismus“, „musikalisches Verbrechertum“ und „Kultur-Bolschewismus“ vor. Aber er hat auch AnhĂ€nger, intelligente FĂŒrsprecher, mĂ€chtige Verteidiger und in der reichen ungarischen Frau von Tolna eine geheime „Schutzgöttin“, die fĂŒr positive Rezensionen in der Musikzeitschrift „Der Aufbruch“ sorgt. 1923 versucht der französische „Musik-Gewerbmann“ Saul Fitelberg in einem satirisch ĂŒberzeichneten Auftritt in Pfeiffering vergeblich, fĂŒr ihn Konzerte zu veranstalten und ihn dem Publikum als deutsches Genie zu prĂ€sentieren (Kap. 37).

Rudolf Schwerdtfeger

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs verschlechtert sich LeverkĂŒhns Gesundheitszustand: zu den Kopfschmerzen kommen Magenbeschwerden und tiefe Ermattung hinzu und der Arzt KĂŒrbis vermutet eine vom Gehirn ausgehende Zentralwirkung. Zeitblom vermutet in seiner Neigung nach „symbolhafter Parallele“ einen Zusammenhang mit dem „vaterlĂ€ndischen UnglĂŒck“. Auch verĂ€ndert sich Adrians Verhalten weg von der im TeufelsgesprĂ€ch geforderten Distanz und KĂ€lte zu einer Sehnsucht nach menschlicher NĂ€he. Zwischen seinen im abgedunkelten Zimmer kurierten MigrĂ€neanfĂ€llen arbeitet er an den „Gesta-Spielen“ und konzipiert bereits die „Apocalipsis cum figuris“, spielt seinen Freunden bei ihren Besuchen „neu Geschriebenes aus seinen wunderlichen Partituren vor“ und trĂ€gt ihnen seine Kunstauffassung, die „LĂ€uterung des Komplizierten zum Einfachen [
] die Wiedergewinnung des Vitalen und der GefĂŒhlskraft“, vor und seinen Wunsch des Durchbruchs „aus geistiger KĂ€lte in eine Wagniswelt neuen GefĂŒhls“. Wem dies gelĂ€nge, den mĂŒsste man „den Erlöser der Kunst“ nennen (Kap. 31).

In dieser Phase der SchwĂ€che entwickelt sich im Januar 1919 eine, an der fĂŒr Adrian seltenen Duzfreundschaft erkennbare, Zuneigung zum Violinisten Rudolf Schwerdtfeger, dem Ersten Geiger im MĂŒnchener „ZapfenstĂ¶ĂŸer-Orchester“, den Zeitblom als prĂ€zisen und sauberen Spieler, wenn auch mit „kleinem Ton“ beschreibt. In Gesellschaften imponiert er mit der erstaunlichen Fertigkeit, virtuos die schwierigsten Melodien pfeifen zu können. Schwerdtfeger nĂ€hert sich in „seiner Flirt-Natur“ fĂŒrsorglich dem Kranken im wegen der MigrĂ€ne und Lichtempfindlichkeit abgedunkelten Schlafzimmer, nutzt dessen „hilflosen Zustand“ aus, um dessen „Sprödigkeit, KĂŒhle, ironische Abweisung zu ĂŒberwinden“. Auch offenbart er ihm seine stadtbekannte AffĂ€re mit der MĂŒnchener Rodde-Tochter Ines Institoriscite-ref-a8-12-0[A 5] und stellt sich als Opfer der ihn leidenschaftlich begehrenden und als Alleinbesitz beanspruchenden Professorengattin und Mutter dreier Kinder dar, von der sich befreien mĂŒsse.

Zugleich macht er einen „Anschlag der Zutraulichkeit auf die Einsamkeit“ Adrians und bittet ihn in einer Mischung aus „koboldhafte[r] DĂ€monie“ und „kindische[r]“ NaivitĂ€t um eine Komposition fĂŒr sein Violinkonzert: „Einverleiben“ wolle er es sich, dass er es im Schlafe spielen könne, „und es hegen und pflegen in jeder Note wie eine Mutter, denn Mutter wĂ€r’ ich ihm und Sie wĂ€ren der Vater, – es wĂ€re zwischen uns wie ein Kind, ein platonisches Kind.“ (Kap. 33).

Zeitblom interpretiert, auf der Grundlage eines Briefes LeverkĂŒhns an Schwerdtfeger, die sich entwickelnde Liebesbeziehung als „dĂ€monisch umwitterte Abwandlung, die jene an und fĂŒr sich halb wunderbare, der Abgeschlossenheit des Einzelwesens widersprechende Erscheinung hier erfuhr.“ Eine „unermĂŒdliche, durch nichts abzuschreckende Zutraulichkeit“ habe trotz der „polaren Verschiedenheit der Partner“ ĂŒber „sprödeste Einsamkeit schließlich den Sieg davongetragen“. Der „Eroberte“ bemerke nicht, dass er „behext und verfĂŒhrt worden“ sei und sich selbst die Initiative zugeschrieben habe. So sei er erstaunt gewesen â€žĂŒber ein freimĂŒtig nichtachtendes Eingehen und Entgegenkommen“. Zwar spricht Zeitblom dem Werber edle Motive wie die zur ErgĂ€nzung seiner Natur notwendige Freundschaft nicht ab, allerdings passe dazu nicht, zur Eroberung koboldhaft die „angeborenen Mittel des Flirts spielen zu lassen, - und sich dann gekrĂ€nkt zu fĂŒhlen, wenn die schwermĂŒtige Neigung, die er erregte, die Merkmale erotischer Ironie nicht verleugnete“ (Kap. 38).

„Wie durch ein Wunder“ fĂ€llt daraufhin der Krankheitsdruck von Adrian ab und die depressive Stimmung wandelt sich in eine gehobene, produktive. Auch tritt er bei einer Abendveranstaltung in der Wohnung des MĂŒnchener Fabrikanten Bullinger auf. Nachdem Schwerdtfeger eine „reizende Ball-Musik“ von Berlioz gepfiffen hat und man den anwesenden „großen Komponisten“ nach seinem Urteil ĂŒber dieses „leichtfertige Zeug“ befragt, antwortet er selbstbewusst arrogant, dass „man sehr sattelfest sein muss im Schweren und Guten, um es so mit dem Leichten aufzunehmen“, und gibt damit zu verstehen, „dass er ganz allein das Recht habe, sich an den dargebotenen GefĂ€lligkeiten [Schwerdtfegers] zu freuen“ (Kap. 38). Er schreibt fĂŒr den neuen Freund das erbetene Violinkonzert und begleitet den Geiger im FrĂŒhjahr 1924 zur UrauffĂŒhrung nach Wien. Anschließend verbringen die beiden, die sich nun Adri und Rudi nennen, einen zwölftĂ€gigen Urlaub auf Schloss Tolna, dem Landsitz einer ungarischen AnhĂ€ngerin und UnterstĂŒtzerin des Komponisten (Kap. 36).

Auf diese kurze Zeit der NĂ€he folgt der von Zeitblom vorausgesehene RĂŒckzug LeverkĂŒhns aus der Beziehung: „Armer Rudi! Kurz war der Triumph [
] Unseliges â€șDuâ€č!“. Seine kindische DĂ€monie habe sich in dem „Kraftfeld einer tieferen, verhĂ€ngnisstĂ€rkeren verfangen, die sie schleunigst brach, verzehrte, zunichte machte“. LeverkĂŒhn rĂ€cht sich „unwillkĂŒrlich, prompt, kaltblickend und geheimnisvoll“ fĂŒr die „beglĂŒckende Erniedrigung, die ihm [
] geschehen war“. (Kap. 39).

Zu einer neuen Entwicklung kommt es Ende 1924 und Anfang 1925 (Kap. 39). Auf ausdrĂŒcklichen Wunsch Schwerdtfegers begleitet LeverkĂŒhn den Freund zu Wiederholungskonzerten in Bern und ZĂŒrich und ist sogar mit dem erneuten persönlichen „Sichpreisgeben der Einsamkeit vor der Menge“ einverstanden. Zum Abschluss lĂ€dt sie der ZĂŒricher MĂ€zen Reiff zu einem Souper im kleinen Kreis ein. Dort macht LeverkĂŒhn die Bekanntschaft der französisch-schweizerischen KostĂŒm- und BĂŒhnenbildnerin Marie Godeau, einer „sympathischen“, grazilen „noch junge[n]“ Frau von „natĂŒrlich-sachliche[r] Annehmlichkeit“, deren Stimme ihn an die seiner Mutter erinnert. Er möchte nun sein Leben auf eine neue Ebene stellen, sich aus der „elbischen Bindung“ an den Geiger lösen, die Einsamkeit mit einer festen GefĂ€hrtin vertauschen und Marie heiraten. Als sie mit ihrer Tante einige Wochen spĂ€ter MĂŒnchen zu einem Arbeitsauftrag am Schauspielhaus besucht, nutzt LeverkĂŒhn diese Gelegenheit. Er trifft sie an einem Abend bei Schlaginhaufens und lĂ€sst die Damen durch Zeitblom, der eine Heirat des Freundes unterstĂŒtzt, zu einem Schlittenausflug nach Oberammergau, Schloss Linderhof und Kloster Ettal einladen (Kap. 40). Zwei Tage spĂ€ter bittet LeverkĂŒhn Schwerdtfeger, fĂŒr ihn bei Marie als sein Brautwerber vorzusprechen, weil er zu unbeholfen sei, dem MĂ€dchen seine WĂŒnsche und GefĂŒhle persönlich auszudrĂŒcken. Ihn verlange nach „milderer, menschlicher Lebensluft“. Sein Freund habe in der „EinĂŒbung des Menschlichen“ die Vorarbeit geleistet und ihn dafĂŒr frei gemacht. Als LeverkĂŒhn merkt, dass Schwerdtfeger ĂŒber seine Zweitrangigkeit in ihrer Freundschaft verstimmt und zudem ebenfalls in Marie verliebt ist, bittet er ihn, ihm dieses Opfer „im Geist der Rolle“, die er in seinem Leben spiele, zu bringen (Kap. 41). Zehn Tage spĂ€ter teilt Schwerdtfeger seinem Auftraggeber in einem Brief mit, Marie habe die Werbung abgelehnt. Stattdessen werde er sie heiraten und mit ihr nach Paris ziehen und dort im „Orchestre Symphonique“ Geige spielen.

Zeitblom analysiert die „rĂ€tselhafte AbsurditĂ€t“ der Methode, einen attraktiven unterhaltsamen Verliebten als FĂŒrsprecher fĂŒr seinen beziehungsscheuen intellektuellen Rivalen zu wĂ€hlen. Bereits zuvor, als LeverkĂŒhn ihm seine Heiratsidee mitteilte, hat er daran gezweifelt, „ob dieser Mann geschaffen sei, Frauenliebe auf sich zu ziehen“, und spekuliert, ob er Marie nur „aus seiner Oratorienwelt heraus von musikalischer Theologie und mathematischem Zahlenzauber“ liebt. Denn der Komponist war offenbar im naiven Glauben des Weltfremden befangen, die Verwirklichung seiner Idee hĂ€nge allein von seinem Willen ab und die Zustimmung des MĂ€dchens sei auch ohne persönliche Umwerbung gewiss. Nun argwöhnt Zeitblom, LeverkĂŒhn habe sich selbst geopfert, um in der ihm im TeufelsgesprĂ€ch auferlegten Einsamkeit zu bleiben. Er hĂ€tte das Scheitern, und damit den Verlust des Freundes und der Geliebten, voraussehen mĂŒssen und habe es willentlich provoziert.cite-ref-a9-13-0[A 6] Schwerdtfeger dagegen sei gekrĂ€nkt gewesen, nur Werkzeug eines Genies zu sein, und habe sich nicht gebunden gefĂŒhlt, Untreue mit Treue zu erwidern. Doch seine Liebesgeschichte endet schicksalshaft tragisch: Nach seiner letzten Mitwirkung beim ZapfenstĂ¶ĂŸer-Konzert wird er auf dem Heimweg in der Straßenbahn von der geistig verwirrten Ines Institoris aus Rache fĂŒr ihre DemĂŒtigung erschossen (Kap. 42).

Apocalypsis

LeverkĂŒhns Freundschaft mit Schwerdtfeger hatte zu einem Umschwung in seiner Depression gefĂŒhrt und Zeitblom gezeigt, dass Krankheit und Gesundheit nicht scharf voneinander getrennt sind und dass Genie „eine in der Krankheit tief erfahrene, aus ihr schöpfende und durch sie schöpferische Form der Lebenskraft“ ist (Kap. 34). In viereinhalb Monaten verfasst er nach Vorlagen der Johannes-Apokalypse, der Klagelieder Jeremias, des Psalters „Denn meine Seele ist voll Jammers und mein Leben nahe bei der Hölle“, der Höllenfahrt Dantes und v. a. der Illustrationen DĂŒrers sein Chorwerk „Apocalipsis cum figuris“ (Kap. 33 und 34). In einem anonymen Brief erklĂ€rt Adrian sein „bedrohliche[s] Werk in seinem Drange, das Verborgenste musikalisch zu enthĂŒllen, das Tier im Menschen wie seine sublimsten Regungen“ und nimmt Stellung zum Vorwurf, es sei „blutige[r] Barbarismus“ sowohl wie „blutlose[-] IntellektualitĂ€t“: „[S]eine Idee, gewissermaßen die Lebensgeschichte der Musik, von ihren vor-musikalischen, magisch-rhythmischen Elementar-ZustĂ€nden bis zu ihrer kompliziertesten Vollendung in sich aufzunehmen“, stelle es „als Ganzes jenem Vorwurf bloß“ (Kap. 34 Schluss). Nach der Ermordung des Freundes fĂ€llt er jedoch in seinen frĂŒheren Zustand zurĂŒck, er muss seine Arbeit wegen Ideenlosigkeit und Ratlosigkeit fĂŒr ein Jahr unterbrechen und kann nicht an der wegen der großen Anforderung an die SĂ€nger und Musiker schwierigen Einstudierung und der bisher einzigen AuffĂŒhrung im Februar 1926 in Frankfurt teilnehmen. Ende des Jahres bessert sich sein Gesundheitszustand wieder und 1927 wird „zum Jahr des kammermusikalischen Hoch- und Wunderertrages“. Er komponiert eine Ensemblemusik, ein esoterisches Streichquartett, eine Faust-Kantate und beginnt mit der Konzeption von „Doctor Fausti Weheklag“ (Kap. 43).

Nepomuk

Die Aufnahme seines fĂŒnfjĂ€hrigen Neffen Nepomuk (Nepo, Echo) im Juni 1928 bedeutet fĂŒr LeverkĂŒhn eine kurze Phase des GlĂŒcks vor seinem endgĂŒltigen Absturz (Kap. 44 und 45). Der engelsgleiche schöne Junge soll sich in der oberbayerischen Landluft von einer Masernerkrankung erholen. Mit seinen altklugen Reden im schweizerischen Tonfall seines Vaters wirkt er wie ein „Gesandte[r] aus Kinder- und Elfenland“ und bringt „etwas wie GlĂŒckseligkeit, eine bestĂ€ndige und zĂ€rtliche ErwĂ€rmung der Herzen“ nicht nur auf den Bauernhof Schweigestill, sondern ins ganze Dorf Pfeiffering. Es ist die „seltsame In-sich-Geschlossenheit, ihre GĂŒltigkeit als Erscheinung des Kindes auf Erden, das GefĂŒhl von Herabgestiegensein und [
] lieblichem Botentum“, das den Onkel entzĂŒckt. Mitte August endet jĂ€h diese paradiesische Zeit mit einer GehirnhautentzĂŒndung des Kindes als SpĂ€tfolge seiner Masern, und es stirbt innerhalb von zwei Wochen. Unter diesem Eindruck, nach dem Scheitern des Ehe-Plans und dem Verlust des Freundes, stehen die letzten beiden kreativen Jahre, 1929 und 1930, des gesunden KĂŒnstlers vor seinem geistigen Verfall.

Dr. Fausti Weheklag

Nach dem Tod Nepomuks verĂ€ndert LeverkĂŒhn durch Bartwuchs und Verfremdung seiner GesichtszĂŒge, die seinem Antlitz „etwas Vergeistigt-Leidendes, ja Christushaftes“ verleihen, sein Aussehen. Er wird noch einmal in einer Art Taumel von einer „dahinreißenden schöpferischen AktivitĂ€t“ erfasst als, wie es Zeitblom vorkommt, Ausgleich fĂŒr den Entzug an LebensglĂŒck und Liebeserlaubnis, und schreibt die symphonische Kantate „Dr. Fausti Weheklag“. Es ist eine „furchtbare Menschen- und Gottesklage“, worin Faust den Gedanken der Rettung als Versuchung zurĂŒckweist, weil er „die PositivitĂ€t der Welt, zu der man ihn retten möchte, die LĂŒge ihrer Gottseligkeit, von ganzer Seele verachtet“, wĂ€hrend Gott ĂŒber „das Verlorengehen seiner Welt“ kummervoll klagt: „Ich habe es nicht gewollt“ (Kap. 48).

Im Mai 1930 lĂ€dt LeverkĂŒhn seine Freunde und Bekannte zu sich nach Pfeiffering ein und legt vor ihnen am Rande des Wahnsinns eine an Faust orientierte Lebensbeichte ab (Kap. 47): Er ist von Geburt an zum Teufelsbund vorbestimmt gewesen und seit seinem 21. Lebensjahr aus „wohlbedachtem Mut, Stolz und Verwegenheit, weil [er] in dieser Welt einen Ruhm erlangen“ wollte, durch die VerfĂŒhrung Esmeraldas „mit dem Satan verheiratet“. Nur so gelang ihm der „Durchbruch“ und er konnte Kunstwerke mit tiefem Einblick in das Wesen der Menschen und der Welt schaffen.cite-ref-a10-14-0[A 7] Die inspirierende Infizierung musste er, wie seine Schwester und Braut, die kleine MĂ€rchen-Seejungfrau Hyphialta, die ihren Schwanz mit Beinen vertauschte, mit Messerschmerzen bezahlen. Hyphialta gebar ihm ein Söhnchen von Fleisch und Blut, das er liebte und das deshalb vom magisterulus umgebracht wurde. Seinem Freund Rudolf gewĂ€hrte er, „des Teufels Mönch“, eine Liebe „in Fleisch und Blut, was nicht weiblich war“, und dies verstieß gegen die Paktbedingungen, ebenso sein Wunsch zu heiraten. „Darum musst [er] ihn töten und schickte ihn in den Tod nach Zwang und Weisung“. Oft waren bei ihm im Zimmer auch hĂŒbsche Kinder, die zu ihren Liedern sonderbar und verschmitzt lĂ€chelten und aus deren Nasenlöchern sich gelbe WĂŒrmchen zur Brust hinab ringelten. Unter Mord und Unzucht hat er also 24 Jahre lang sein Werk vollendet und „vielleicht kann gut sein aus Gnade, was in Schlechtigkeit geschaffen wurde“. Denn er hat einen „verruchten Wettstreit“ mit „der GĂŒte droben“ getrieben, „was unausschöpflich“ ist. Nachdem die meisten GĂ€ste wĂ€hrend der als wirr und blasphemisch empfundenen Rede den Raum verlassen haben, schlĂ€gt LeverkĂŒhn auf dem Klavier einen dissonanten Akkord an, stĂ¶ĂŸt einen Klagelaut aus und bricht zusammen. In einer Nervenheilanstalt diagnostiziert man seine geistige Erkrankung, eine „Demenz“ bzw. „Selbstentfremdung“. VorĂŒbergehend wird er von der Familie Schweigestill in Pfeffering gepflegt. Als er zu seiner Mutter nach Oberweiler gebracht werden soll, versucht er sich in einem Teich zu ertrĂ€nken. Aber er beruhigt sich wieder und lebt in kindlicher Einfalt ohne Erinnerungen bis zu seinem Tod im August 1940 auf dem Buchelhof.

Serenus Zeitblom

Serenus Zeitblom ist zum einen der Biograph seines zurĂŒckgezogen lebenden und auf die Kunst konzentrierten Freundes LeverkĂŒhn, zum anderen berichtet er als Beteiligter ĂŒber die gesellschaftliche und politische Entwicklung von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und kommentiert und analysiert rĂŒckblickend wĂ€hrend der Niederschrift seiner Erinnerungen, 1943 bis 1945, die Entwicklung zur Niederlage Deutschlands. In seinem bĂŒrgerlichen Lebenslauf und in seinem die DĂ€monie des Lebens kontrollierenden aufgeklĂ€rten Humanismus ist Zeitblom, trotz Ă€hnlichen Beurteilungen der kulturellen Situation, eine Gegenfigur zum KĂŒnstler: Der 1883 geborene Apothekersohn wĂ€chst mit vier Geschwistern in einer AtmosphĂ€re der „mĂ€ĂŸigen Höhe eines halbgelehrten Mittelstandes“ im mittelalterlichen Stadtbild Kaisersascherns auf, studiert alte Philologie, leistet seinen MilitĂ€rdienst ab, tritt als Gymnasialprofessor in den Schuldienst ein und fĂŒhrt mit seiner Frau Helene, geb. Ölhafen, und den Söhnen, die, im Gegensatz zu ihm, der NS-Herrschaft dienen, ein bĂŒrgerliches Leben. Unterbrochen wird diese TĂ€tigkeit durch seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, den 1915 eine Typhuserkrankung beendet. Nach der MachtĂŒbernahme der Nationalsozialisten scheidet er aus seinem Lehramt aus.cite-ref-a11-15-0[A 8] In seiner „Nachschrift“ denkt der 62-JĂ€hrige, nach 11-jĂ€hriger Pause, ĂŒber den Wiedereinstieg in seinen Beruf nach, er ist jedoch unsicher, ob seine klassische Bildung noch die Nachkriegsgeneration erreicht, auch ist ihm das „unselige“ Deutschland fremd geworden.

UntergrĂŒndige DĂ€monie

Von seinen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus aus betrachtet, beschreibt Zeitblom im RĂŒckblick auf seine Jugendzeit die untergrĂŒndige DĂ€monie am Beispiel Kaisersascherns: In der Luft sei atmosphĂ€risch etwas hĂ€ngen geblieben von der „Hysterie des ausgehenden Mittelalters“, von „Sankt Veits-Tanz“, „visionĂ€r-kommunistische[n] Predigen irgendeines â€șHĂ€nseleinâ€č mit Scheiterhaufen der Weltlichkeit“. Anzeichen der „altertĂŒmlich-neurotischen Unterteuftheit und seelischen Geheim-Disposition“ seien die vielen „â€șOriginaleâ€č, Sonderlinge und harmlos Halb-Geisteskranken“ in den Mauern der Stadt, die von den Kindern verspottet wĂŒrden (Kap. 6). Er sieht die Gefahr des RĂŒckfalls in jene Epochen. Die Stadt „wiederholt mit Enthusiasmus symbolische Handlungen, die etwas Finsteres und dem Geiste der Neuzeit ins Gesicht Schlagendes an sich haben, wie BĂŒcherverbrennungen und anderes, woran ich lieber mit Worten nicht rĂŒhren will.“ Die altertĂŒmlich-volkstĂŒmliche Schicht gebe es nicht nur im sogenannten „Volk“, sondern „in uns allen [
] allein die Literatur, die humanistische Wissenschaft, das Ideal des freien und schönen Menschen“ könne sie „unter sicherem Verschluss“ halten. (Kap. 6) Er kritisiert, in der aufgeklĂ€rten Theologie fehle die „Einsicht in den dĂ€monischen Charakter der menschlichen Existenz“ und die „Tragik des Lebens“. Liberale Theologie setze „das Religiöse zur Funktion der menschlichen HumanitĂ€t herab und verwĂ€sser[e] das Ekstatische und Paradoxe, das dem religiösen Genius wesentlich [sei]“ (Kap. 11).

Diese Erkenntnis widerspricht allerdings z. T. seiner eigenen LebensfĂŒhrung, denn seine „HeißblĂŒtigkeit“, seine „Neugier, Eitelkeit“ versteckt er oft hinter einer auf die Antike zurĂŒckreichenden Bildungstradition, womit er auch die wegen des unterschiedlichen Niveaus (der „Bildungstiefstand des Dings [
] ennuyierte“ ihn) mit einer Abfindung beendete Studentenbeziehung zu einer KĂŒferstochter und damit sein elitĂ€res Menschenbild begrĂŒndet: Der „Wunsch, den antikischen Freimut im Verhalten zum Geschlechtlichen, der zu [s]einen theoretischen Überzeugungen gehörte, in die Praxis zu ĂŒbersetzen, [hĂ€tten ihn] vermocht, diese Bindung einzugehen“ (Kap. 17). An diesem Beispiel wird auch deutlich, dass Zeitbloms betulich-feierlicher Stil, wie er selbst weiß, dem Gegenstand unangemessen ist.cite-ref-a12-16-0[A 9]

Humanismus und Patriotismus

Weltanschaulich ist Zeitblom einmal am Humanismus, der sich auf die Antike bezieht, und zum anderen am deutschen Geist-Patriotismus orientiert, und dies fĂŒhrt ihn in Konfliktsituationen. Bis zum Ersten Weltkrieg versucht er beide Aspekte seines Denkens miteinander zu verbinden und rĂ€umt dem Deutsch-Nationalen den Vorrang ein. Wie viele BĂŒrger ist auch er, wenn auch weniger enthusiastisch und mit der Sorge um ein „Durchgehen zĂŒgelunwilliger Triebe“, vom Krieg mit einem „volkstĂŒmlichen HochgefĂŒhl“ ergriffen und sieht ihn als schicksalshaft an: Deutschland war im 19. Jh. eine europĂ€ische Großmacht geworden und konkurrierte mit den KolonialmĂ€chten um die Vorherrschaft in der Welt. Die Patrioten sind davon ĂŒberzeugt, dass Deutschland nach Spanien, Frankreich, England an der Reihe sei, „der Welt unseren Stempel“ aufzudrĂŒcken und sie zu fĂŒhren und die Welt im „Zeichen eines nicht ganz zu Ende definierten militaristischen Sozialismus [
] zu erneuern habe“. Verbunden ist diese Idee mit der „Furcht, von allen Seiten ĂŒberflutet zu werden“ und zur Verteidigung mit „Opfer- und Todesbereitschaft“ einen Angriffskrieg fĂŒhren zu mĂŒssen. Das GefĂŒhl des „Opferganges“ setzt bei vielen jungen Kriegsfreiwilligen „ein neues, höheres Leben“ frei, und sie erleben dann eine „blutige Welt-Katastrophe“. Zeitblom will die Weltherrschaft nicht machtpolitisch, sondern geistig, seelisch oder auch wirtschaftlich verstanden wissen, als „Durchbruch zur Welt“ aus der Einsamkeit heraus, als „Durst nach Vereinigung“. LeverkĂŒhn, der alles Patriotisch-Nationale ablehnt und die kulturelle Tradition als erschöpft ansieht, widerspricht ihm: durch den Kriegsverlauf sei gerade das Gegenteil der Fall. Es gebe nur ein Problem in der Welt, die Frage, wie man durchbreche und ins Freie gelange (Kap. 30).

Wie viele Intellektuelle wird auch Zeitblom vom Zeitgeist der Nachkriegszeit erfasst, der nach dem „Zusammenbruch des deutschen AutoritĂ€tsstaates“ das Ende der „Epoche des bĂŒrgerlichen Humanismus, seine bisherige geistige Heimat“, proklamiert und „die Welt in ein neues, noch namenloses Sternenzeichen“ eintreten sieht (Kap. 34). Er sucht Orientierung bei den Diskussionsabenden in der Wohnung des Grafikers Sixtus Kridwiß in Schabingen (Kap. 34). Man spricht ĂŒber den „Werteverlust“ und die den Deutschen durch die Niederlage „zuteilgewordene“ demokratische Republik und fĂŒrchtet, unter Berufung auf Alexis de Tocqueville, dass alles auf „Diktatur und Gewalt“ und eine „heraufziehende Barbarei“ hinauslaufe. In diesem Zusammenhang beruft man sich auf Sorels 1908 erschienenes Werk „RĂ©flexions sur la violence“ und seine Vorhersage von „Krieg und Anarchie“ im „Zeitalter der Massen“: Die Massen wĂŒrden anstelle mit der Wahrheit mit „mythischen Fiktionen“ versorgt, mit primitiven Schlachtrufen, um politische Energien zu entfesseln. Zeitblom registriert entsetzt, wie die anwesenden Intellektuellencite-ref-a13-17-0[A 10] den Gedanken, man mĂŒsse der aus dem Kulturzerfall entstehenden Barbarei mit Gewalt begegnen, fĂŒr die gegenwĂ€rtige Entwicklung als feststehend ansehen und sich ĂŒber das vergebliche, ohnmĂ€chtige Anrennen der liberalen Vernunft und Kritik dagegen amĂŒsieren. Die traditionellen individuellen Werte sehen sie eingelagert in „weit höhere Instanzen der Gewalt, der AutoritĂ€t, der Glaubensdiktatur,“ der Gemeinschaft. RĂŒckschritt und Fortschritt, das Alte und Neue, das politische Rechts und Links fallen zusammen, alle humane Verweichlichung wird ausgeschlossen (Kap. 34 Fortsetzung). Diese Redereiencite-ref-a14-18-0[A 11] kommen Zeitblom wie ein „kaltschneuzig-intellektuelle[r] Kommentar“ zum Kunstwerk LeverkĂŒhns vor: Kritik der Tradition, Zerstörung von Lebenswerten und herkömmlichen Kunstformen, die bisher zum bĂŒrgerlichen Lebenskreis gehört hatten (Kap. 43 Schluss).

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Die nationalsozialistische Umformung Deutschlands und der Zweite Weltkrieg fĂŒhren Zeitblom in einen LoyalitĂ€tskonflikt, der sich in seiner Sprache abbildet. So ringt der Altphilologe sich in komplizierten gewundenen Formulierungen, in einer Scham, es klar auszusprechen, schließlich dazu durch, zu bekennen, dass „einige von uns in Augenblicken, die ihnen selbst als verbrecherisch erscheinen, aber andere frank und permanent, mehr fĂŒrchten als die deutsche Niederlage, und das ist der deutsche Sieg. Wenn er als besonderes Motiv "[s]eines Verbrechertums“ angibt, im Falle eines Sieges das Verbot des Werkes seines Freundes zu fĂŒrchten, so spricht er schließlich, in einer Trennung des Volkes von der FĂŒhrung, von einer „nie dagewesenen Tragik“, um der „eigenen und der allgemeinen Zukunft willen die Niederlage ihres Staates zu wĂŒnschen“. Er könne sich „tiefen Ingrimms nicht erwehren gegen diejenigen, die ein gutes Volk in eine seelische Lage brachten, die ihm meiner Überzeugung nach schwerer fĂ€llt als jedem andern, und es sich selber entfremdet.“ (Kap. 5). Im Falle einer Bombardierung deutscher StĂ€dte teile er „die Empfindung, dass wir nur empfangen, was wir ausgeteilt haben“ (Kap. 6).

Zeitbloms Reaktionen auf den Kriegsverlauf im 21. Kapitel sind zweigeteilt. Bei den Erfolgsmeldungen des U-Bootkrieges durch einen neu entwickelten Torpedo spĂŒrt er eine „[g]ewisse Genugtuung [
] ĂŒber unseren regen Erfindungsgeist, die durch noch so viele RĂŒckschlĂ€ge nicht zu beugende nationale TĂŒchtigkeit, welche immer noch voll und ganz dem Regime zur VerfĂŒgung steht, das uns in diesen Krieg gefĂŒhrt hat und uns tatsĂ€chlich den Kontinent zu FĂŒĂŸen gelegt, den Intellektuellentraum von einem europĂ€ischen Deutschland durch die allerdings beĂ€ngstigende, etwas brĂŒchige und, wie es scheint, der Welt unertrĂ€gliche Wirklichkeit eines deutschen Europa ersetzt hat“. EingeschrĂ€nkt werden diese nationalbewussten Gedanken durch die Gefahr „falscher Hoffnungen [
] und einen Krieg zu verlĂ€ngern, der nach Einsicht der VerstĂ€ndigen nicht mehr gewonnen werden kann.“ Die „Zerstörung unserer wĂŒrdigen StĂ€dte aus der Luft“ wĂŒrde „zum Himmel schreien [
], wenn nicht wir Schuldbeladenen es wĂ€ren, die sie erleiden“. Zeitblom rĂ€umt zwar wiederholt die „von uns heraufbeschworenen Ruchlosigkeiten“ ein, erlebt aber auch mit einer „Art Hoffnung und Stolz, die deutsche Kraftentfaltung uns erregt, den Anbruch eines neuen Sturmes unserer Wehrmacht gegen die russischen Horden“. In seinen Betrachtungen der Zeitgeschichte ĂŒbernimmt er hĂ€ufig typische Formulierungen aus der deutschen Propaganda: „in unserer zukĂŒnftigen Kornkammer, der Ukraine“, „unser FĂŒhrer [gebot] dem RĂŒckzug ein mĂ€chtiges Halt“. Wir verteidigen „mit desto zĂ€herer Kraft unseren europĂ€ischen Lebensraum gegen die westlichen Todfeinde deutscher Ordnung“. In diesem Zusammenhang greift er auf den Mythos der „tragisch-heroische[n] Seelenlage“ zurĂŒck und spricht von unserem „dem NĂŒchtern-Üblichen widersprechende[n] Volk von mĂ€chtiger tragischer Seele“ bzw. „unsere[r] Liebe“, die „dem Schicksal [gehört], jedem Schicksal, wenn es nur eines ist, sei es auch der den Himmel mit GötterdĂ€mmerungsröte entzĂŒndende Untergang!“ Der verlorene Krieg bedeute, „dass ‚wir‘ verloren sind, verloren unsere Sache und Seele, unser Glaube und unsere Geschichte. Es ist aus mit Deutschland [
] ein unnennbarer Zusammenbruch, ökonomisch, politisch, moralisch und geistig, kurz allumfassend“. Zeitblom resĂŒmiert, er wolle es „nicht gewĂŒnscht haben – und hab‘ es doch wĂŒnschen mĂŒssen“: „aus Hass auf die frevlerische Vernunftverachtung, die sĂŒndhafte Renitenz gegen die Wahrheit, den ordinĂ€r schwelgerischen Hintertreppenmythos [
] den schmierenhaften Missbrauch und elenden Ausverkauf des Alt- und Echten, des Treulich-Traulichen, des Ur-Deutschen [
] Der Riesenrausch, den wir immer RauschlĂŒsternen uns daran tranken, und in dem wir durch Jahre trĂŒgerischen Hochlebens ein Übermaß des SchmĂ€hlichen verĂŒbten [
] er muss bezahlt sein“. Als die Niederlage Deutschlands immer offenkundiger wird, analysiert Zeitblom die Sprache der Propaganda (Kap. 33): Der „heilige deutsche Boden“ sei durch ein „Unmaß von Rechtsbeleidigung lĂ€ngst ĂŒber und ĂŒber entweiht“ worden. Über ein solches Regime sei „der Stab gebrochen“ worden und es habe zu verschwinden: „beladen mit Fluch – selbst unertrĂ€glich der Welt – uns, Deutschland, das Reich – ich gehe weiter und sage: das Deutschtum, alles Deutsche – der Welt unertrĂ€glich gemacht zu haben.“ Zeitblom betrachtet jetzt die Geschichte anders als zur Zeit des Ersten Weltkrieges, als er die „bĂŒrgerliche Demokratie“ eine „Herrschaft des Abschaums“ nannte und die „Auflösung eines so lange disziplinĂ€r gebundenen StaatsgefĂŒges in debattierende Haufen herrenlos gewordener Untertanen“ fĂŒrchtete. Er gibt, mit EinschrĂ€nkungen, zu, dass die „Demokratie der WestlĂ€nder, bei aller Überholtheit ihrer Institutionen durch die Zeit, aller Verstocktheit ihres Freiheitsbegriffes gegen das Neue und Notwendige, wesentlich doch auf der Linie des menschlichen Fortschritts, des guten Willens zur Vollkommenheit der Gesellschaft liegt und der Erneuerung, Ausbesserung, VerjĂŒngung, der ÜberfĂŒhrung in lebensgerechtere ZustĂ€nde ihrer Natur nach fĂ€hig ist“ (Kap. 33).

Entstehungsgeschichte und autobiographische BezĂŒge

Über die Entstehung des Doktor Faustus hat der Autor auf der Grundlage von Tagebuchaufzeichnungen das 1949 veröffentlichte Buch Die Entstehung des Doktor Faustus geschrieben, das Autobiographisches und Selbstkommentare zum Roman enthĂ€lt. Weil er annahm, Doktor Faustus sei sein letztes Werk,cite-ref-a5-19-0[A 12] wollte er sich vor der Nachwelt rechtfertigen. Dabei beruft er sich im Motto der „Entstehung“ auf eine Passage aus Goethes Dichtung und Wahrheit: Um manchen Werken einen „historischen Wert“ zu verschaffen, sei es wichtig, dass „man sich ĂŒber ihre Entstehung mit wohlwollenden Kennern unterhĂ€lt“.

Schon als junger Mann hatte Thomas Mann den Plan gefasst, einen Faust-Roman zu schreiben. Jedoch setzte er diesen Plan erst nach Beendigung seiner „Joseph“-Tetralogie (1943) um . Mann berichtet ĂŒber die besondere innere Leere, die in ihm nach Abschluss seines Joseph-Romans und ihres Nachspiels Das Gesetz entstanden sei, und darauf ĂŒber die ersten PlĂ€ne, seine Vorstudien – u. a. die LektĂŒre der Briefe Hugo Wolfs –, die literarischen BezĂŒge (insbesondere zu Shakespearecite-ref-20[8]) und immer wieder ĂŒber die autobiographischen UmstĂ€nde, insbesondere darĂŒber, welche politischen und essayistischen Schriften die Arbeit am Roman zwischen dem 23. Mai 1943 und dem 29. Januar 1947 in Pacific Palisades unterbrachen. Er nannte das Buch seine „Lebensbeichte“cite-ref-21[9] und schrieb am 21. Oktober 1948 an Paul Amann: „Zeitblom ist eine Parodie meiner selbst. In Adrians Lebensstimmung ist mehr von meiner eigenen, als man glauben sollte – und glauben soll.“cite-ref-22[10]

Neben dem Faust-Stoff gehörten auch Dokumentarisches und Historiographisches aus der Lutherzeit und dem DreißigjĂ€hrigen Krieg zur Vorbereitung des Romans ebenso wie Grimmelshausen und Sprichwörtersammlungen des Mittelalters. In Manns Die Entstehung des Doktor Faustus ist dem Kapitel X zu entnehmen, dass er sich auch mit den GrĂ€ueln in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs auseinandersetzte und diesbezĂŒglich mit Heinrich Eduard Jacob in Kontakt stand.

So entstand innerhalb von dreieinhalb Jahren ein „Zeit- bzw. Epochen-Roman“ ĂŒber die „deutsche Tragödie“, in dem den kulturhistorischen und geistesgeschichtlichen Wurzeln des Nationalsozialismus nachgespĂŒrt wird: Immer wieder wird das romantisch-irrationale Denken dargestellt, das nach Thomas Manns Ansicht letztlich zum Nationalsozialismus gefĂŒhrt hat: In den von „Wandervogel“-Romantik geprĂ€gten GesprĂ€chen des Studenten Adrian LeverkĂŒhn mit seinen Kommilitonen, in den reaktionĂ€ren, anti-humanen und zivilisationsfeindlichen Reden des Dr. Chaim Breisacher und in den „erzfaschistischen“ (so Thomas Mann) GesprĂ€chsrunden bei Dr. Sixtus Kridwiß. Vor diesem Hintergrund wird das Lebensschicksal des hochbegabten, aber menschlich kalten Adrian LeverkĂŒhn geschildert.cite-ref-a4-23-0[A 13] Der Autor setzt LeverkĂŒhns persönliche Tragödie in Beziehung zu der Tragödie des deutschen Volkes, der Pakt mit seinem inneren Teufel wird parallelisiert mit dem BĂŒndnis des Bösen, das Deutschland eingegangen ist – wobei offenbleibt, was Thomas Mann mit diesem Bösen meint: Adolf Hitler persönlich, den Nationalsozialismus im Allgemeinen oder, noch umfassender, jegliches menschen- und zivilisationsfeindliche Denken ĂŒberhaupt.

HintergrĂŒnde

Sowohl die Örtlichkeiten, an denen das Romangeschehen stattfindet, als auch die Personen haben reale Urbilder (Thomas Mann ging sogar so weit, die Nummer der Trambahn, in der Schwerdtfeger erschossen wird, von 1 in 10 zu Ă€ndern, nachdem ihn nach einer Lesung eine MĂŒnchnerin auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte).

Zu den Personen

‱ „Mit Adrian LeverkĂŒhn ist gar niemand gemeint. Er hat keine Ähnlichkeit mit irgend einem lebenden oder verstorbenen Komponisten, und wie seine Person, so sind auch seine Werke frei erfunden“, so Thomas Mann in einem Brief vom 19. Februar 1949 an Fritz Weil. Im Vergleich zum ĂŒbrigen Roman-Personal etwas blass, hat LeverkĂŒhn allerdings gemeinsame ZĂŒge mit seinem Autor: die strenge Arbeitsdisziplin, den Willen zum Erfolg, den Mangel an natĂŒrlicher Ungezwungenheit, die spröde Steifheit im zwischenmenschlichen Umgang, aber auch die Lachlust, die ihn aufopferungsvoll umsorgenden Frauen (Meta Nackeday und Kunigunde Rosenstiel, mit der Ida Herz portrĂ€tiert ist), die Zuneigung zu einem Lieblingskind (Nepomuk hat sein Vorbild in Thomas Manns Enkel Frido Mann) und die lebenslange PrĂ€gung durch die Stadt, in der man die Jugendjahre verbracht hat („Wo wir sind, ist Kaisersaschern“/„LĂŒbeck als geistige Lebensform“). – LeverkĂŒhns geistige GenialitĂ€t Ă€hnelt der von Ludwig Wittgenstein,cite-ref-24[11] seine Biografie in vielen ZĂŒgen der von Friedrich Nietzsche, auf dessen in Also sprach Zarathustra gepredigte Forderung nach einem kĂŒhnen Leben schon der Nachname LeverkĂŒhn hinweisen soll.cite-ref-25[12] Die beabsichtigte ParallelitĂ€t geht so weit, dass Thomas Mann den Bericht, den der junge Theologiestudent Adrian ĂŒber seinen Besuch im Bordell abgibt, fast wörtlich Paul Deussens Erinnerungen an Nietzsche (1901) entnommen hat.
‱ Adrian LeverkĂŒhns Theologie- und Philosophiestudium in Halle und seine Teilnahme an der „theologischen Verbindung Winfried“ ist eine Reverenz an Paul Tillich, dem Thomas Mann seit dem Exil in den USA verbunden war; auch Tillich studierte Theologie und Philosophie in Halle und erzĂ€hlte Thomas Mann begeistert von den Diskussionsrunden und den Wanderungen seiner christlichen Verbindung „Wingolf“.

‱ Dr. Wendell Kretzschmar ist bei Thomas Mann der Musiklehrer Adrian LeverkĂŒhns. Der Name erinnert an den UniversitĂ€tsmusikdirektor Hermann Kretzschmar, der an der UniversitĂ€t Leipzig von 1887 bis 1890 dirigierte. Ab 1871 war er als Lehrer fĂŒr Musiktheorie, Komposition, Klavier und Orgel am Konservatorium Leipzig tĂ€tig.cite-ref-26[13]
‱ LeverkĂŒhns Erstlingswerk „Meeresrauschen“, dem musikalischen Impressionismus verpflichtet und von LeverkĂŒhn selbst als „Wurzelbehandlung“ an etwas bereits Überlebtem ironisiert, ist möglicherweise in Parallele gesetzt zu Arnold Schönbergs Streichsextett Opus 4 VerklĂ€rte Nacht, das Mann im Tagebuch am 26. Juni 1946 und 21. Januar 1947 entsprechend als „klangschön“, aber „zu substanzlos“ charakterisiert.cite-ref-27[14]
‱ Dr. August Anton LeverkĂŒhn war (neben den testamentarisch eingesetzten Krafft Tesdorpf und Konrad Hermann Wilhelm Fehling) amtlicher Vormund Thomas Manns nach dem Tod des Vaters.cite-ref-28[15]
‱ Thomas Manns eigene Mutter und seine beiden Schwestern Julia und Carla sind Vorbilder fĂŒr die nach MĂŒnchen gezogene Bremer Senatorenwitwe Rodde und ihre tragisch mit Suizid und Wahnsinnstat endenden Töchter Ines (so hieß auch Heinrich Manns Verlobte) und Clarissa.
‱ Hinter der Figur des Rudolf Schwerdtfeger verbirgt sich der Dresdner Maler und Violinist Paul Ehrenberg, zu dem Thomas Mann zwischen 1899 und 1904, vor seiner Bekanntschaft mit Katia Pringsheim, eine heftige Zuneigung gefasst hatte.
‱ In Jeanette Scheurl, der Dichterin mit dem mondĂ€nen Schafsgesicht, kann man Annette Kolb erkennen.
‱ Die Figur des „erzfaschistischen“ Dr. Chaim Breisacher wurde Oskar Goldberg nachempfunden, einem jĂŒdischen Religionsphilosophen, der mit seiner These vom empirisch erfahrbaren JHWH und seiner Kritik am allmĂ€chtigen Gott in jĂŒdischen Kreisen in Berlin fĂŒr Aufmerksamkeit sorgte. Ein (ehemals) jĂŒdischer Faschist tritt bereits im Zauberberg (erschienen 1924) in der Figur des Jesuiten Leo Naphta auf.

Zu den Orten

‱ Der Schauplatz der Ereignisse im fiktiven Pfeiffering bei Waldshut ist das oberbayerische Polling (bei Weilheim). Der in Polling 2007 errichtete „Doktor-Faustus-Weg“ berĂŒhrt alle im Roman erwĂ€hnten Örtlichkeiten.
‱ Die fiktive Stadt Kaisersaschern, deren mittelalterliche PrĂ€gung auf Adrian LeverkĂŒhn ein Leben lang nachwirkt, trĂ€gt viele ZĂŒge von Thomas Manns Heimatstadt LĂŒbeck. Der geographischen Lage nach entspricht Kaisersaschern allerdings Naumburg (Saale) und ist in einigen Details der Beschreibung auch erkennbar auf diese Stadt bezogen. In seinem Briefwechsel hatte Thomas Mann wiederholt von der Erregung berichtet, mit der er an dem Roman geschrieben habe. Das dĂŒrfte mit der deutschen AtmosphĂ€re zusammenhĂ€ngen, die er schriftstellerisch evoziert und hinter der sich möglicherweise Heimweh verbirgt. Der Roman endet mit den Worten „mein Vaterland“. Thomas Mann sah in der Arbeit an dem Alters-Roman eine Art biographischer Rundung. Diese erreicht er auch dadurch, dass er mit Kaisersaschern erneut LĂŒbeck schildert (ohne es explizit zu nennen), wie er das schon im Jugendwerk Buddenbrooks getan hatte. „Wo wir sind, ist Kaisersaschern“, meint LeverkĂŒhn gegenĂŒber seinem Jugendfreund Zeitblom, als beide die Heimatstadt lĂ€ngst hinter sich gelassen haben. Als prominentester Vertreter der Emigration hatte Thomas Mann bei der Ankunft im amerikanischen Exil der Welt mitgeteilt: „Wo ich bin, ist Deutschland“. Kaisersaschern symbolisiert Deutschland mehr als LeverkĂŒhn.
‱ 1899 verbrachte Thomas Mann zusammen mit seinem Bruder Heinrich einen Ferienaufenthalt in Palestrina.

Zum Faust -Stoff

Mann hat die gesamte literarische Tradition des Faust-Stoffes, vom Volksbuch von 1587 an, dichterisch zeitgemĂ€ĂŸ verarbeitet: „Thomas Mann bringt diese reprĂ€sentative Symbolfigur nicht nur des deutschen, sondern des abendlĂ€ndischen Menschen auf den heutigen Stand. [
] er sĂ€kularisiert sie mitsamt ihrem zugehörigen DĂ€mon“cite-ref-29[16] Überwiegend hat sich der Autor an das Volksbuch gehalten. Die These allerdings, Goethes Werk Faust sei nicht von ausschlaggebender Bedeutung fĂŒr Thomas Manns Roman gewesen,cite-ref-30[17] ist umstritten.cite-ref-31[18]

Inkarnationen des Teufels

In Kapitel XXV erscheint der Teufel LeverkĂŒhn persönlich oder als Halluzination bzw. Projektion seiner Psyche. Zuvor und auch danach sind dĂ€monische KrĂ€fte prĂ€sent. Thomas Mann lĂ€sst ihn, einem mythologischen Topos der griechischen Antike folgend,cite-ref-a15-32-0[A 14] sich die Ă€ußere Gestalt mehrerer Randfiguren des Romans ausborgen. Inkarnationen des Teufels sind

‱ der Stotterer Wendell Kretzschmar als VerfĂŒhrer zur Musik;
‱ der GrĂŒnder der Sekte Ephrata Cloister Beißel als ein Proselytenmacher mit Hilfe der Musik. Sein Chor im Betsaal habe zarte Instrumentalmusik nachgeahmt. Es sei im Falsett gesungen worden, wobei die SĂ€nger kaum die MĂŒnder geöffnet, noch die Lippen bewegt hĂ€tten. Etwas wie unwiderstehlicher Sirenengesang sei es gewesen, der «engelhaft ĂŒber den Köpfen der Versammelten geschwebt» habe, «unĂ€hnlich allem menschlich Gewohnten, unĂ€hnlich jedenfalls jedem bekannten Kirchengesang». Wer ihn einmal gehört habe, könne sich ihm fortan nicht mehr entziehen und wolle ihn immer wieder hören;
‱ der Theologie-Professor Kumpf in Halle, der ĂŒberdies zur Lutherparodie wird, als er mit der Semmel nach dem Teufel wirft, den er in der Zimmerecke zu sehen meint;
‱ der Privatdozent Schleppfuß mit seinen Vorlesungen, in denen er das Geschlechtliche verteufelt;
‱ der hinkende Dienstmann in Leipzig, der den ahnungslosen, noch stadtfremden LeverkĂŒhn in ein Bordell fĂŒhrt;
‱ die Prostituierte im «spanischen JĂ€ckchen», bei der sich LeverkĂŒhn wissentlich mit Syphilis infiziert;
‱ der intellektuelle Quertreiber Chaim Breisacher, ein ideologischer Wegbereiter des Faschismus;cite-ref-33[19]
‱ der amerikanische Gelehrte Mr. Capercailzie (engl. Auerhahn; eine Anspielung auf «Anderer Teil D. Johann Fausti Historien» von 1593, in der der Teufel sich „Auerhahn“ nennt). Capercailzie unternimmt mit LeverkĂŒhn eine Tiefseefahrt in einer Tauchkugel und klĂ€rt ihn spĂ€ter ĂŒber die monströsen Dimensionen des Alls auf (Kap. XXVII). Offen bleibt dabei, ob LeverkĂŒhns ErzĂ€hlung willentliche Flunkerei ist, oder ob er amĂŒsiert ĂŒber zurĂŒckliegende Halluzinationen berichtet;
‱ der internationale Musikagent Saul Fitelberg (Kap. XXXVII), der LeverkĂŒhn in einem heiteren Intermezzo aus seiner selbst gewĂ€hlten Abgeschiedenheit zu Konzertauftritten in der großen Welt, beginnend in Paris, ĂŒberreden will. Dort entstehe musikalischer Ruhm durch den Skandal, oder er werde in drei, vier Salons gemacht, in denen sich LeverkĂŒhn allerdings zeigen mĂŒsse. FĂŒr den Aufbruch bietet Fitelberg, scherzhaft auf Goethes Mephistopheles anspielend, an, seinen «Zaubermantel» auszubreiten. LeverkĂŒhn lehnt ab, und der Teufel zieht diesmal unverrichteter Dinge wieder ab.

Dem TeufelsgesprĂ€ch liegt eine Vision zu Grunde, die Thomas Mann in seiner Jugend wĂ€hrend eines Italien-Aufenthaltes hatte und die bereits in Buddenbrooks und im Zauberberg verarbeitet ist. Als weitere Inspirationsquelle gab Thomas Mann die Teufelsbegegnung von Dostojewskis Iwan Karamasow in Die BrĂŒder Karamasow an. Das TeufelsgesprĂ€ch im 25. Kapitel des Doktor Faustus liegt in der Mitte des Romans (Der Roman hat zwar nur 47 Kapitel, doch kommt eine Nachschrift hinzu, weiter besteht das 34. Kapitel aus drei Teilen, sodass sich 49 Kapitel mit dem 25. im Zentrum ergeben) und ist von zentraler Bedeutung: Es ist KunstgesprĂ€ch und Paktszene in einem.

Mit den zahlreichen Zitaten und „Plagiaten“ (Goethe, Nietzsche, Dostojewski, Brecht, Schönberg, Adorno usw.), deren sich Thomas Mann im Doktor Faustus bedient, will er nicht zuletzt auch den Erschöpfungszustand der Kunst und die Überholtheit der Erfindungsgabe demonstrieren, ein Manko, das die Arbeit des modernen KĂŒnstlers so unsĂ€glich erschwere, dass sie ĂŒbermenschliche KrĂ€fte verlange und fĂŒr LeverkĂŒhn eben nur noch mit Hilfe des Teufels ĂŒberwunden werden könne.cite-ref-34[20]

Syphilis

Das DĂ€monisch-sexuelle Motiv der Faustsage aktualisiert Thomas Mann. Anstelle der Unterzeichnung des Teufelspaktes mit dem eigenen Blut tritt die willentliche Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit; die Zeit bis zur zerebralen Zersetzung ist die gesetzte Frist: „Das alte kosmische Spiel zwischen Himmel und Hölle ist hereingeholt in die menschliche Person 
 Der theologische Konflikt ist sĂ€kularisiert, Gott und der Teufel sind sĂ€kularisiert, ja sie sind in einen einzigen Leib gebunden.“cite-ref-35[21]

Thomas Manns medizinischer Berater war der Mediziner und Schriftsteller Martin Gumpert,cite-ref-bohren-am-zahn-der-zeit-36-0[22] der seine Dissertation ĂŒber die Syphilis-Erkrankung geschrieben hat. Bis zur Entdeckung des Penicillins war Syphilis eine verbreitete Seuche, die durch Geschlechtsverkehr ĂŒbertragen wurde. Sie manifestiert sich in verschiedenen Organsystemen, vor allem aber im zentralen Nervensystem. „Genialisierung durch Krankheit“ ist ein literarisches Motiv des Fin de siĂšcle und der in dieser Epoche aufgetretenen Kulturströmung Dekadenz, lĂ€sst sich aber naturwissenschaftlich nicht verifizieren. Friedrich Nietzsche war an Syphilis erkrankt, im SpĂ€tstadium der Seuche in geistige Umnachtung gefallen und nach langem Siechtum gestorben. Nietzsches Lebenslauf hat Thomas Mann als Vorlage fĂŒr seine Kunstfigur Adrian LeverkĂŒhn gedient.

Zur Musiktheorie

Obwohl der Roman sich mit dem Niedergang Deutschlands in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der er geschrieben wurde, beschĂ€ftigt und wesentliche Kriegsepisoden explizit angesprochen werden (z. B. die Invasion 1944, nicht aber Auschwitzcite-ref-37[23]), spielt vor allem die Musik eine zentrale Rolle, insbesondere die Zwölftonmusik, die Adrian LeverkĂŒhn begrĂŒndet haben soll (siehe unten). Musik ist hier, den Selbstkommentaren Thomas Manns zufolge, ein Paradigma fĂŒr die Kunst ĂŒberhaupt. Von Kritikern wird jedoch eingewandt, dass die Zwölftontechnik im Roman eine dĂ€monische Bedeutung erhĂ€lt, die sie in Wirklichkeit nicht besitzt.cite-ref-38[24]

FĂŒr das Romanprojekt studierte Mann musikwissenschaftliche LehrbĂŒcher sowie Biographien, darunter solche zu Mozart, Beethoven, Hector Berlioz, Hugo Wolf und Alban Berg. Seine musikalischen Erfahrungen hatten aber mehr mit dem Hören seiner Lieblinge Wagner und Brahms zu tun, es fehlte ihm an Expertise, vor allem der zeitgenössischen Musik. Deshalb nahm er Kontakt mit Komponisten wie Igor Strawinsky, Arnold Schönberg und Hanns Eisler auf, um sich in Sachen Komposition unterweisen zu lassen.

Angeregt und illuminiert durch das Initialstadium der entzĂŒndlichen Gehirnzerstörung erfindet LeverkĂŒhn die „Zwölftonmusik“, auf eigene Hand und ohne von Arnold Schönberg zu wissen. In seinen Selbstkommentaren nennt Thomas Mann die Reihentechnik Teufelswerk und befĂŒrchtet amĂŒsiert: «Schönberg wird mir die Freundschaft kĂŒndigen».cite-ref-39[25] TatsĂ€chlich fĂŒhrte der Roman zum ZerwĂŒrfnis zwischen Thomas Mann und Arnold Schönberg. Dieser fĂŒhlte sich verletzt, ausspioniert und hintergangen und setzte sich öffentlich zur Wehr. Dass Thomas Mann ausgerechnet mit T. W. Adorno zusammengearbeitet hatte, machte die Sache nur schlimmer, weil Schönberg immer schon eine Abneigung gegen seinen grĂ¶ĂŸten Apologeten hegte. Die ab der zweiten Auflage von Thomas Mann hinzugefĂŒgte Anmerkung auf der letzten Seite, in der Schönberg die PrioritĂ€t an der „Zwölftonmusik“ ausdrĂŒcklich eingerĂ€umt wird, konnte das einmal belastete VerhĂ€ltnis nicht wirklich bessern.

Der wichtigste Berater fĂŒr Thomas Mann war jedoch der Musiker, Komponist, Musiksoziologe und Philosoph Theodor W. Adorno. Die musiktheoretischen Äußerungen des Teufels im Teufelskapitel stammen nahezu wörtlich aus Adornos Philosophie der neuen Musik, mit dessen Erlaubnis. Auch sonst ließ sich Thomas Mann von handschriftlichen EntwĂŒrfen Adornos leiten. Er Ă€nderte viele Stellen des Romans nach ausgiebigen Diskussionen mit seinem Helfer. Thomas Mann nannte Adorno „seinen wirklichen geheimen Rat“. Die musikalischen Defizite Manns werden an einigen Fehlern im Roman deutlich. Weil er z. B. in Adornos Handschrift das Wort „Eigengewicht“ nicht entziffern konnte, gelangte die Formulierung vom „Fugengewicht der Akkorde“ in den Roman.cite-ref-40[26] In der neuen kritischen Ausgabe ist der Lapsus korrigiert. Weiter wurden EigenmĂ€chtigkeiten der SekretĂ€rinnen und Setzer korrigiert, die ihnen unverstĂ€ndliche Worte oft einfach durch andere ersetzt hatten. Nach der ersten Ausgabe nahm Thomas Mann in Zusammenarbeit mit Erika Mann TextkĂŒrzungen vor, da er befĂŒrchtete, dass die musiktheoretischen Anteile den Lesern zu lang wĂŒrden. Dabei entstanden eine Reihe von Anschlussfehlern, weil BezĂŒge zu den Auslassungen nicht mitverĂ€ndert wurden. Diese Fehler werden auch in der neuen Ausgabe nicht korrigiert.cite-ref-41[27]

Peter Benary fand folgenden Interpretationsfehler: „Auch die einfĂŒhlsamen Äußerungen Thomas Manns“ (und Adornos) „in seinem »Doktor Faustus« verkennen im Grunde das Thema »in seiner idyllischen Unschuld«“ (Arietta-Thema in Beethovens letzter Klaviersonate), „wenn er das Hauptmotiv mit »Himmelsblau«, »Liebesleid« und »Wiesengrund« skandiert, denn [die Tonfolge] ist nicht daktylisch ( — ‿ ‿ ), sondern anapĂ€stisch ( ‿ ‿— ) [wie ‚Sinfonie‘] zu skandieren.“cite-ref-42[28]

Der musikalisch-philosophische Teil des Romans muss als Koproduktion Manns und Adornos angesehen werden. Dies fĂŒhrte nach dem Tode Manns zu Konflikten mit Erika Mann, die durch selektive Veröffentlichung von TagebuchauszĂŒgen oder Briefen alles daran setzte, den Anteil Adornos am Werk zu negieren, da diese Zusammenarbeit aus ihrer Sicht an den Nimbus des „Zauberers“ rĂŒhrte. Dies hat Adorno zutiefst getroffen. Thomas Mann hatte das vorhergesehen, er notierte, dass es zwar ihm nichts ausmache, dass Adornos Anteil bekannt wĂŒrde, dass es aber schon jetzt „Ärger mit den Frauen“ deswegen gebe (gemeint sind Katia und Erika Mann). Die Entstehung des Doktor Faustus war auch dahingehend motiviert, Adornos Anteil ins rechte Licht zu rĂŒcken, was aber nicht half, die Angelegenheit endgĂŒltig zu klĂ€ren. Erst durch den veröffentlichten Briefwechsel Adorno-Mann wurde der Anteil Adornos zweifelsfrei belegt.

Adaptionen

Literatur

Eine AnknĂŒpfung an Stoff und Motive findet sich in Hans WollschlĂ€gers Roman HerzgewĂ€chse (1982) und in Tobias Schwartz’ Roman Morpho peleides (2021).

Musik

In Hans Werner Henzes 1997 geschriebenem 3. Violinkonzert findet sich eine explizite Bezugnahme in den drei Satztiteln:

‱ Esmeralda. nicht eilen, tĂ€nzerisch gemĂŒtvoll
‱ Das Kind Echo: Adagio – Tempo giusto
‱ Rudolf S.: Andante – PiĂč mosso

1952 publizierte Hanns Eisler das Libretto seiner Oper Johann Faustus. Diese Oper basiert auf dem Puppenspiel, wurde aber auch durch GesprÀche mit Thomas Mann wÀhrend dessen Niederschrift des Doktor Faustus beeinflusst. Nach heftigen politischen Auseinandersetzungen beim Formalismusstreit in der DDR blieb Eislers Oper ein Fragment.

Film

Der Roman wurde 1981/82 Vorlage des gleichnamigen Films von Franz Seitz (Produktion, Drehbuch, Regie). Jon Finch spielte Adrian LeverkĂŒhn, Hanns Zischler war der Darsteller des Serenus Zeitblom und AndrĂ© Heller spielte den Satan. In weiteren Rollen wirkten mit: Margot Hielscher, Hans Korte, Herbert Grönemeyer, Marie-HĂ©lĂšne Breillat und Lothar-GĂŒnther Buchheim; Christoph Schlingensief war Kamera-Assistent.cite-ref-43[29]

Hörspiel

Siehe im folgenden Abschnitt #Textausgaben und -versionen unter HörbĂŒcher.

Textausgaben und -versionen

‱ Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian LeverkĂŒhn, erzĂ€hlt von einem Freunde (Stockholmer Ges.-Ausg.), Bermann-Fischer, Stockholm 1947 (772 S.).
‱ Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian LeverkĂŒhn erzĂ€hlt von einem Freunde. 1.–7. Tsd. Suhrkamp, Berlin / Frankfurt am Main 1947 (806 S.).
‱ Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian LeverkĂŒhn, erzĂ€hlt von einem Freunde (Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, TagebĂŒcher. Band 10/1 und 2).

‱ Teilband 10/1. [Textband]. Hrsg. u. textkritisch durchges. von Ruprecht Wimmer. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007 (741 S.).
‱ Teilband 10/2: Kommentar von Ruprecht Wimmer. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007 (1266 S.).

HörbĂŒcher:

‱ Doktor Faustus. Hörbuch. Gelesen von Gert Westphal (22 CDs). Deutsche Grammophon, ISBN 3-8291-1457-5.
‱ Doktor Faustus. Hörspiel. Bearbeitung: Leonhard Koppelmann, Hermann Kretzschmar, Manfred Hess. Musik: Hermann Kretzschmar. Regie: Leonhard Koppelmann. Produktion: Hessischer Rundfunk / Bayerischer Rundfunk in Kooperation mit Internationale Ensemble Modern Akademie. Mit Hanns Zischler, Werner Wölbern, Mathias Habich u. a. (10 CDs 774 Min.), Hörverlag, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-86717-075-8.

SekundÀrliteratur

‱ Thomas Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines Romans. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-596-29427-4.
‱ Hannelore Mundt: „Doktor Faustus“ und die Folgen. Kunstkritik als Gesellschaftskritik im deutschen Roman sei 1947. Bouvier, Bonn 1989, ISBN 3-416-02159-2.
‱ Erich Heller: Thomas Mann. Der ironische Deutsche. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-36743-9.
‱ Hubert OrƂowski: PrĂ€destination des DĂ€monischen. Zur Frage des bĂŒrgerlichen Humanismus in Thomas Manns „Doktor Faustus“. Wydawnictwo Naukowe UAM, PoznaƄ 1969.
‱ Jochen Schmidt: Thomas Mann: Dekadenz und Genie. In: Jochen Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750–1945. Band 2, Darmstadt 1985, S. 238–277.
‱ Hans Wißkirchen, Thomas Sprecher (Hrsg.): „und was werden die Deutschen sagen??“. Thomas Manns Roman Doktor Faustus. DrĂ€ger, LĂŒbeck 1997, ISBN 3-925402-75-6.
‱ Hans Hilgers: Serenus Zeitblom. Der ErzĂ€hler als Romanfigur in Thomas Manns „Doktor Faustus“. 2. Auflage. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1997, ISBN 3-631-31966-5.
‱ Christian Albrecht: Protestantismusdeutung und protestantisches Erbe in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“. In: Zeitschrift fĂŒr Theologie und Kirche. Band 95, 1998, S. 410–428.
‱ Andreas Urs Sommer: Der mythoskritische „Erasmusblick“. Doktor Faustus, Nietzsche und die Theologen. In: Eckhard Heftrich, Thomas Sprecher (Hrsg.): Thomas Mann Jahrbuch. Band 11. 1998, S. 61–71.
‱ JĂŒrgen Joachimsthaler: Politisierter Ästhetizismus. Zu Th. Manns „Mario und der Zauberer“ und „Doktor Faustus“. In: Edward BiaƂek, Manfred Durzak, Marek Zybura (Hrsg.): Literatur im Zeugenstand. BeitrĂ€ge zur deutschsprachigen Literatur- und Kulturgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hubert OrƂowski. Frankfurt u. a. 2002, S. 303–332.
‱ Eva Schmidt-SchĂŒtz: „Doktor Faustus“ zwischen Tradition und Moderne. Eine quellenkritische und rezeptionsgeschichtliche Untersuchung zu Thomas Manns literarischem Selbstbild. Klostermann, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-465-03212-8.
‱ Christoph Gödde, Thomas Sprecher (Hrsg.): Thomas Mann – Theodor W. Adorno. Briefwechsel 1943–1955. Fischer, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-596-15839-7.cite-ref-44[30]
‱ Werner Röcke (Hrsg.): Thomas Mann – Doktor Faustus 1947–1997. Bern u. a. 2004, ISBN 3-03910-471-3.
‱ Hans Rudolf Vaget: Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-10-087003-4.
‱ Heinrich Detering, Friedhelm Marx, Thomas Sprecher (Hrsg.): Thomas Manns „Doktor Faustus“ – neue Ansichten, neue Einsichten. Klostermann, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-465-03813-9.
‱ Maurice Blanchot: Thomas Mann. Begegnungen mit dem DĂ€mon. Herausgegeben und aus dem Französischen ĂŒbersetzt von Marco Gutjahr. Turia+Kant, Wien/Berlin 2017, ISBN 978-3-85132-839-4.

Weblinks

‱ Eung-Jun Kim: Literatur als Historie. Zeitgeschichte in Thomas Manns „Doktor Faustus“ und GĂŒnter Grass' „Die Blechtrommel“. (pdf) Dissertationsschrift. 2003. (mit umfassendem Literaturverzeichnis)
‱ Eva D. Becker: Figurenlexikon zu Doktor Faustus im Portal Literaturlexikon online
‱ Thomas Schneider: Das literarische PortrĂ€t. Quellen, Vorbilder und Modelle in Thomas Manns »Doktor Faustus«. Diss. FakultĂ€t I - Geisteswissenschaften der Technischen UniversitĂ€t Berlin 2004.
‱ Rezensionsnotizen zu Theodor W. Adorno – Thomas Mann: Briefwechsel 1943–1955 bei Perlentaucher
‱ Wer wagt es, Thomas Mann zu verbessern?

Wikibooks: Thomas Manns Forderung an die Kunst in «Doktor Faustus»

– Lern- und Lehrmaterialien

Wikiversity: Thomas Manns psychiatrische Quelle fĂŒr Genialisierung durch Krankheit

– Kursmaterialien

Anmerkungen

cite-note-a1-2A 1. ↑ genauer: zur Rolle der Musik bzw. der dichterische Versuch, Musik mit Sprache wiederzugeben (Am 14. Juli 1948 an Friedrich Sell)
cite-note-a2-8A 2. ↑ Nach dem Text der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ (GKFA). In anderen Ausgaben wird der 23. Mai als Termin genannt. An diesem Tag begann der Autor mit seiner Arbeit am Roman.
cite-note-a3-9A 3. ↑ Mit diesem Kunstgriff, eine fiktive Biografie und Zeitgeschichtliches in Beziehung zu setzen, parallelisiert Thomas Mann die Schicksale LeverkĂŒhns und Zeitbloms mit dem Deutschlands.
cite-note-a7-10A 4. ↑ Das TeufelsgesprĂ€ch im 25. Kapitel des Romans gilt als zentrale Episode des Romans Begegnung der Hauptfigur mit dem Teufel. Der Autor erzĂ€hlte 1953 dem Maler Fabius von Gugel von einer Vision, die er 1895 im steinernen Saal in Palestrina gehabt habe, als er plötzlich mit einer Teufelserscheinung konfrontiert wurde. Nach Gugels Worten schilderte Mann, dass „
er in der Nachmittagshitze, urplötzlich, auf dem schwarzen Sofa sitzend, einen Fremdling erblickt, von dem er gewußt habe, daß er kein anderer als der Teufel gewesen sei“. (Zit. nach Peter de Mendelssohn: Der Zauberer. Frankfurt am Main 1975, S. 293).
cite-note-a8-12A 5. ↑ Zeitblom erzĂ€hlt ausfĂŒhrlich die Geschichte der Senatorin Rodde und ihrer Töchter Ines und Clarissa in Kap. 29, 32, 35. s. auch: „HintergrĂŒnde: Zu den Personen“
cite-note-a9-13A 6. ↑ „Was er an Rudi verĂŒbt, ist ein prĂ€meditierter, vom Teufel verlangter Mord“ schreibt Thomas Mann darĂŒber in der „Entstehung des Doktor Faustus“ im Abschnitt IV.
cite-note-a10-14A 7. ↑ Notiz von Thomas Mann (1905): Figur des syphilitischen KĂŒnstlers: Als Dr. Faust und dem Teufel Verschriebener. Das Gift wirkt als Rausch, Stimulans, Inspiration: er darf in entzĂŒckter Begeisterung wunderbare Werke schaffen, der Teufel fĂŒhrt ihm die Hand. Schließlich aber holt ihn der Teufel: Paralyse
cite-note-a11-15A 8. ↑ Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes war der Begriff inneren Emigration zur Rechtfertigung von „Ofenhockerei“ geworden. (Thomas Mann im Tagebuch am 20. September 1945)
cite-note-a12-16A 9. ↑ Zeitbloms auf antiker Bildung basierender Humanismus wirkt oft theoretisch akademisch und im Einzelfall wenig empathisch. Sein „parodistisch verwendete[s] Humanistendeutsch“ dient dem Autor zur Darstellung seiner seelisch und geistigen Verfassung (Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag MĂŒnchen, 1974, Bd. 7, S. 2794.). Er selbst bekennt: „Ach, ich schreibe schlecht! Die Begierde, alles auf einmal zu sagen, lĂ€ĂŸt meine SĂ€tze ĂŒberfluten, treibt sie ab von dem Gedanken, zu dessen Notierung sie ansetzten, und bewirkt, daß sie ihn weitschweifend aus den Augen zu verlieren scheinen. Ich tue gut, die Kritik dem Leser vom Munde zu nehmen. Es kommt aber dieses sich ÜberstĂŒrzen und Sichverlieren meiner Ideen von der Erregung, in welche die Erinnerung an die Zeit versetzt, von der ich handle“ (Kap. 34). Nach Heller wird daran deutlich, „dass der Gegenstand – und also die Zeit, der er angehört – dem ĂŒberlieferten Geist der ErzĂ€hlung ĂŒber den Kopf gewachsen ist“ und dass Doktor Faustus „die Abdankungsurkunde des Romaneschreibers und Serenus Zeitblom das Pseudonym des Schweigens“ ist. (Erich Heller: „Thomas Mann. Der ironische Deutsche.“ Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 322 f.
cite-note-a13-17A 10. ↑ Alle Teilnehmer der Abenddiskussion haben Vorbilder im intellektuellen MĂŒnchen der Vor- und Nachkriegszeit (vgl. Bergsten S. 33 ff.). Literaturlexikon online: Lexikon (uni-saarland.de)
cite-note-a14-18A 11. ↑ Am verhasstesten unter den GĂ€sten ist Zeitblom der Dichter Daniel Zur Höhe. Thomas Mann hatte das Modell – Ludwig Derleth – schon in der frĂŒhen ErzĂ€hlung Beim Propheten als Angehörigen des George-Kreises karikiert; vgl. Bergsten S. 37 f. Literaturlexikon online: https://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=3367 im Portal http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=1 Literaturlexikon online)
cite-note-a5-19A 12. ↑ Die Entstehung des Doktor Faustus, Abschnitt III: „weil ich es immer als ‚mein letztes‘ betrachtet habe“.
cite-note-a4-23A 13. ↑ Das Motiv der „KĂ€lte“ ist eines der zentralen Motive im Doktor Faustus.
cite-note-a15-32A 14. ↑ Allerdings waren es dort Gottheiten, die in Gestalt eines Mitmenschen mit Sterblichen Umgang hatten oder ihnen Weisung erteilten (z. B. Zeus in Erscheinung des Amphitryon mit dessen Gemahlin; Athene in Gestalt von Mentor zu Telemachos).

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ bei Bermann-Fischer, Stockholm, und Suhrkamp, Berlin / Frankfurt am Main
cite-note-32. ↑ wobei sich die Bemerkungen und Sentenzen ĂŒber das gesamte Buch verteilen. H.-P.Haack: Zweideutigkeit als System - Thomas Manns Forderung an die Kunst
cite-note-43. ↑ 15. Dezember 1947 an Erich von Kahler
cite-note-54. ↑ Am 11. Oktober 1944 an Agnes Meyer
cite-note-65. ↑ Thomas Mann am 25. Juni 1948 an Peter Suhrkamp
cite-note-76. ↑ Erich Heller: Thomas Mann. Der ironische Deutsche. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1959 (1975). Zitiert in Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag, MĂŒnchen 1974, Bd. 7, S. 2793.
cite-note-117. ↑ Veit Neumann: Ausflug aus dem Kernland der Reformation zu Pfeifferings „Pietà“. In: Forum Katholische Theologie. Band 29, 2013, S. 52–67.
cite-note-208. ↑ vgl. Entstehung Abschnitt IV
cite-note-219. ↑ Am 25. Juni 1948 an Peter Suhrkamp
cite-note-2210. ↑ Zitiert nach Mateotti, ISBN 978-3-638-74442-3, S. 11, und nach Hubert Mainzer: Thomas Manns „Doktor Faustus“ — ein Nietzsche-Roman? In: Wirkendes Wort. Band 21, 1971, S. 28.
cite-note-2411. ↑ Vgl. hierzu Erich Heller: Thomas Mann. Der ironische Deutsche. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 327.
cite-note-2512. ↑ Vgl. hierzu und zum folgenden Beispiel Erich Heller: Thomas Mann. Der ironische Deutsche. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 312.
cite-note-2613. ↑ Homepage der Mahlerfoundation, abgerufen am 31. August 2022.
cite-note-2714. ↑ Eva Schmitz-SchĂŒtz S. 196. in der Google-Buchsuche
cite-note-2815. ↑ Heinz J. Armbrust, Gert Heine: Wer ist wer im Leben von Thomas Mann?: ein Personenlexikon. Verlag Vittorio Klostermann, 2008, ISBN 978-3-465-03558-9, S. 279.
cite-note-2916. ↑ Erich von Kahler: Die SĂ€kularisierung des Teufels. Thomas Manns Faust. In: Neue Rundschau. Nr. 58, 1948, S. 185–202. Zitiert in Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag MĂŒnchen, 1974, Bd. 7, S. 2793.
cite-note-3017. ↑ vgl. z. B. Helmut Koopmann: Teufelspakt und Höllenfahrt. Thomas Manns Doktor Faustus und das dĂ€monische Gebiet der Musik im Gegenlicht der deutschen Klassik. Goethe-Gesellschaft MĂŒnchen 2009.
cite-note-3118. ↑ vgl. z. B. Eva Bauer Lucca: „Kommt alte Lieb’ und Freundschaft mit herauf“. Goethe’s Spuren in Thomas Mann’s Doktor Faustus (Memento vom 19. September 2011 im Internet Archive) (PDF; 147 kB). 5. MĂ€rz 2005.
cite-note-3319. ↑ Siehe dazu unten das Kapitel HintergrĂŒnde.
cite-note-3420. ↑ Vgl. hierzu Erich Heller: Thomas Mann. Der ironische Deutsche. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 315.
cite-note-3521. ↑ Erich von Kahler: Die SĂ€kularisierung des Teufels. Thomas Manns Faust. In: Neue Rundschau. Nr. 58, 1948, S. 185–202. Zitiert in Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag MĂŒnchen, 1974, Bd. 7, S. 2794.
cite-note-bohren-am-zahn-der-zeit-3622. ↑ Christoph LĂŒthy: Bohren am Zahn der Zeit. (Sachbuch-Rezension in der FAZ vom 15. Januar 2001, abgerufen im Sept. 2015)
cite-note-3723. ↑ In Kapitel XLVI wird zwar von einem Konzentrationslager in der NĂ€he von Weimar, außerdem auch vom „Geruch verbrannten Menschenfleisches“ gesprochen, doch wird auch damit noch der Holocaust ĂŒbergangen.
cite-note-3824. ↑ Fritz Kaufmann: Thomas Mann: The World as Will and Representation. Boston 1957. zitiert in: Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag MĂŒnchen, 1974, Bd. 7, S. 2793.
cite-note-3925. ↑ Am 28. September 1944 an Agnes E. Meyer
cite-note-4026. ↑ Trotz des Lesefehlers kann man aber der von Thomas Mann gewĂ€hlten Formulierung durchaus eine gewisse AuthentizitĂ€t zusprechen. Man vergleiche dazu die AusfĂŒhrungen von Dieter Borchmeyer in der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen vom 17. Oktober 2009, S. Z3.
cite-note-4127. ↑ DiePresse.com, Artikel vom 30. November 2007
cite-note-4228. ↑ Peter Benary, Rhythmik und Metrik
cite-note-4329. ↑ Daten-Eintrag bei Filmportal.de
cite-note-4430. ↑ Der Briefwechsel gibt wichtige AufschlĂŒsse ĂŒber die Mitwirkung Adornos an der Konzeption des fiktiven musikalischen Werks Adrian LeverkĂŒhns sowie ĂŒber Thomas Manns poetologische AnsĂ€tze.